Gedanken

Interview mit Martin Lichtmesz zu seinem Werk „Ethnopluralismus“

Vor einigen Wochen ist mit „Ethnopluralismus – Kritik und Verteidigung“ das lang erwartete, neue Werk von Martin Lichtmesz erschienen. Als erster Autor überhaupt widmet er diesem Schlüsselbegriff ein ganzes Buch. Wir haben mit Ihm über sein Werk, den Begriff und aktuelle Debatten gesprochen!

Martin, dein neues Buch, „Ethnopluralismus – Kritik und Verteidigung“ ist jüngst erschienen. Wie war das Feedback von rechts und links bislang?

In der Blauen Narzisse ist eine Rezension erschienen. Weitere werden noch folgen. Ansonsten bekam ich von rechts bislang nur private Zuschriften, und die waren durchweg positiv, manche richtiggehend begeistert. Von links gab es bislang nur Schweigen im Walde.

Wann kam dir die Idee für das Buch und wie lange hast du daran geschrieben?

2018 habe ich das Thema Kubitschek (Götz Kubitschek, u.a. Geschäftsführer des Antaios Verlags, Anm. d. Red.) für die Theoriereihe von Antaios vorgeschlagen, in der Titel wie Mit Linken leben, Die liberale Gesellschaft und ihr Ende, Wir erziehen und Solidarischer Patriotismus erschienen sind. Es gab hier schon lange eine riesige Lücke: Einerseits wird dieses Schlagwort ununterbrochen mit der „Neuen Rechten“ (oder was man dafür hält) assoziiert, andererseits gab es bislang kein Buch, in dem man konzise nachlesen konnte, was es damit überhaupt auf sich hat. Im Netz findet man allenfalls einen miserablen Wikipedia-Artikel und die üblichen, zum Teil grotesken Definitionen von linksextremen „Rechtsextremismusexperten“. Während der Arbeit an dem Buch erkannte ich, dass es nicht genügt, zusammenzufassen, was Vordenker wie Henning Eichberg (Historiker und Kultursoziologe, † 2017, Anm. d. Red.) oder Alain de Benoist (franz. Vordenker der Neuen Rechten, Anm. d. Red.), darunter verstanden haben. Wir haben es hier mit einer „Denkfamilie“ zu tun, die in dem Spannungsfeld von Universalismus und Partikularismus steht, das weitaus älter ist, als die deutschen und französischen „Neuen Rechten“ der sechziger und siebziger Jahre. Als eigentlichen Ahnvater und Meisterdenker des Ethnopluralismus nenne ich den deutschen Philosoph Johann Gottfried Herder, und es gibt so manchen Kopf, den ich als Ethnopluralisten identifiziere, der normalerweise nicht in diese Schublade gepackt wird – den Ethnologen Claude Lévi-Strauß ebenso wie den ungewöhnlichen NS-“Rassenkundler“ Ludwig Ferdinand Clauß zum Beispiel.

Ist das Buch am Ende das geworden, was du am Anfang vor Augen hattest? Ist deine Auffassung von Ethnopluralismus jetzt die gleiche wie vor deiner Arbeit an dem Buch?

In der Tat haben fast alle meine Bücher irgendwann ein Eigenleben entwickelt und mich an unbekannte und manchmal unerwartete Orte geführt. Auch dieses Buch war für mich eine Art Entdeckungsreise. Mich hat das Thema zuvor eigentlich nicht so überragend interessiert, und 2011 hatte ich den Begriff „Ethnopluralismus“ in meinem Büchlein Die Verteidigung des Eigenen als „antiquiert“ bezeichnet. Meine Ausgangsthese hat sich allerdings bestätigt: dass es Ethnopluralismus niemals als fixe Doktrin gab, sondern dass er in verschiedenen „Fassungen“ existiert. 

Wer vor der Lektüre das Inhaltsverzeichnis aufschlägt, sieht, dass du eine große Themenvielfalt von Universalismus über Multikulturalismus bis hin zu einem Überblick über historische Diskurse zu den Themen Ethnie, Rasse, Volk und Nation behandelst. Welches Ziel hast du mit der Gliederung verfolgt?

Im Grunde hat sich hier eines aus dem anderen ergeben. Wenn etwa die Linke behauptet, „Ethnopluralismus“ sei nur eine Art Tarnmanöver, das „Rasse“ semantisch durch „Kultur“ ersetzt, um den „Rassismus“ und die „Fremdenfeindlichkeit“ sozusagen „salonfähig“ zu machen, dann wirft allein diese voraussetzungsreiche Behauptung eine Menge Fragen auf.  Etwa, was denn nun der umstrittene Begriff „Rasse“ (oder „Rassismus“) tatsächlich bezeichnet, und in welchem Verhältnis er Begriff zu Kultur und Volkstum steht.  Die übergeordnete Frage ist: Was für Möglichkeiten gibt es, die empirische Vielfalt der Völker, Rassen und Kulturen zu denken und zu konzeptualisieren? Was bedeutet diese Vielfalt, wodurch ist sie entstanden, wodurch ist sie bedroht, welchen historischen, kulturellen oder politischen Sinn hat sie? Gibt es einen solchen überhaupt? Und schließlich, wie kommt man dazu, diese Vielfalt auch „normativ“ aufzufassen, als etwas, das einen Wert in sich hat und das es verdient, bewahrt zu werden? Und auf welche Weise?

Seit einigen Jahren wird von neurechter Seite immer öfter Rolf Peter Sieferle rezipiert. Was können wir bezüglich des Ethnopluralismus von ihm lernen?

Auch ich empfand vor allem Sieferles großes WerkEpochenwechsel aus dem Jahr 1994 als außerordentlich brauchbaren Kompass, vor allem, was den historischen und philosophisch-ideologischen Hintergrund der beiden Pole Universalismus und Partikularismus betrifft.

Die Identitäre Bewegung wird am Rande in einem Satz erwähnt. Inwiefern ist der Begriff für dich mit der Identitären Bewegung (IB) verknüpft und was glaubst du inwiefern ist er für die Öffentlichkeit mit der IB verknüpft?

Ich würde sagen, dass es vor allem Martin Sellner war, der diesen Begriff nach französischen Vorbildern neu belebt und für die IB fruchtbar gemacht hat. Als ich zur „Neuen Rechten“ stieß, so ca. 2005, hat er meiner Erinnerung nach keine große Rolle mehr gespielt. Das hat sich mit der IB wieder geändert. Ich würde sagen, dass die Basis der identitären Idee klassisch ethnopluralistisch ist, in dem Sinne, dass sie das Volk- und Nationsein an sich bejaht, jedem Volk das Recht zugesteht, seine Identität und Lebensweise zu bewahren, und dass sie davon ausgeht, dass Anders- und Unterschiedlichsein keine Höher- oder Minderwertigkeit impliziert. Man sollte sich als Identitärer aber auch mit den philosophischen Aporien und Widersprüchen des Ethnopluralismus auseinandersetzen. Als konkretes politisches Programm eignet er sich meiner Ansicht nur sehr eingeschränkt, aber er hat seinen bleibenden Wert als ethischer Impuls und als grundsätzlicher Zugang zur Welt: Die Vielfalt ist gut, die Vielfalt soll sein!  Und diese Vielfalt ist genau das, was der Globalismus zu vernichten trachtet. Was die „Öffentlichkeit“ angeht, so spielt sie einfach ihre uralte Platte von der entlarvten „Mimikry“ der Rechten. Demnach muss man einfach Begriffe wie Verpackungen abstreifen, um böse Dinge wie „Rassismus“ oder „braunes Gedankengut“ zu enthüllen, was aber nur funktioniert, wenn man sie vorher per Definition selbst dort hinein gelegt hat. 

Du sprichst davon, dass der Ethnopluralismus selbst kein politisches Programm ist und das Homogenität immer relativ gedacht werden muss. Hältst du es dennoch für möglich, dass der ethnopluralistische Gedanke in politischen Ansätzen in Deutschland und Europa berücksichtigt werden kann?

Die „klassische“ ethnopluralistische Politik, wie sie etwa Henning Eichberg in den siebziger Jahren vorschwebte, sollte vor allem den binneneuropäischen Regionalismus fördern. Ethnopluralisten dieser Zeit schwärmten für die Sache der kleinen Völker und Volksgruppen (Basken, Bretonen, Südtiroler, Elsässer, Korsen, Südtiroler, Okzitanier…) und unterstützten häufig autonomistische oder gar separatistische Bewegungen. Sie wollten die osteuropäischen Völker aus dem „Völkerkerker“ der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten befreien, aber auch die nivellierende Wirkung des amerikanischen Liberalismus und Kapitalismus zurückdrängen. Ebenso kritisierten sie den Export westlicher Kultur und Technisierung in die Dritte Welt durch eine aus ihrer Sicht fehlgeleitete Entwicklungshilfe, die die kulturelle Eigenart der derart beglückten Völker missachtet. In dieser Zeit wuchs die außereuropäische Einwanderung an, und erst sekundär wurde das ethnopluralistische Argument verwendet, um gegenüber diesen Entwicklungen eine defensive Haltung einzunehmen.  Ich verhehle in der Schlussbetrachtung meines Buches nicht meine Ansicht, dass die Migrationspolitik der letzten Jahrzehnte Europa in eine fatale Sackgasse geführt hat, für die es schlichtweg keine Patentlösungen oder gar überhaupt Lösungen gibt.  Alain de Benoist versuchte diesem Dilemma zu begegnen, indem er eine Zeit lang, ähnlich wie Eichberg, eine Art von kommunitarischem Multikulturalismus befürwortete. Dies führte zum endgültigen Zerwürfnis mit Guillaume Faye (Autor der „Nouvelle Droite“, † 2019), der meines Erachtens zu Recht einwarf, dass auch auf diese Weise die „Kolonisierung“ Europas durch Besiedlung vorangetrieben werde. Heute spricht Macron vom „islamischen Separatismus“, der die Einheit Frankreichs bedrohe, aber seine Antworten darauf wirken hilflos, kratzen nur an der Oberfläche.

Ich denke, dass es vernünftig ist, sich wie zu den Frühzeiten des neurechten Ethnopluralismus auf eine gesamteuropäische Idee zu konzentrieren und die Binnenvielfalt unseres Kontinents zu betonen, dabei aber das Bewusstsein dafür aufrechtzuerhalten und zu schärfen, dass das Migrationsproblem tatsächlich nicht allein auf nationaler Ebene beantwortet werden kann. Die sozialen, ökonomischen und demographischen Probleme und Konflikte der Auswanderungsländer können offensichtlich nicht durch Massenmigration in den Westen (oder je nach Perspektive: Norden) gelöst werden. Ihre desaströsen Folgen für die Einwanderungsländer werden am Ende auch auf die Migranten selbst zurückfallen.  Darum fand ich etwa den Slogan der französischen Identitären „Einwanderung tötet Europa – Auswanderung tötet Afrika“ sehr klug. Identitäre Politik sollte keine einseitige „Verteidigung des Eigenen“ betreiben, sondern auch globale Zusammenhänge berücksichtigen. Dabei sollte im Auge behalten werden, dass auch der Ethnopluralismus eine westliche Idee ist und sich ebenso schlecht „universalisieren“ lässt wie andere westliche Ideen. Die Einwanderer aus Nord- und Schwarzafrika oder Asien sind in der Regel keine „Ethnopluralisten“, und Großmächte wie China verfolgen Ambitionen, die man in Europa längst hinter sich gelassen hat und die zur Quelle eines pathologischen schlechten Gewissens geworden sind.

Der Verfassungsschutz setzt Ethnopluralismus auf eine Stufe mit ethnischer Homogenität. Ist diese Verbindung in irgendeiner Form aus der historischen Genese des Begriffs abzuleiten oder mit der heutigen Bedeutung des Ethnopluralismus vereinbar?

Klar hat Ethnopluralismus (also: „Völkervielfalt“) etwas mit ethnischer Homogenität zu tun, aber diese ist auch die historische und konzeptuelle Basis für die modernen Nationalstaaten und Demokratien. Wie Carl Schmitt aufzeigte, setzt Demokratie generell eine ausreichende Homogenität des Staatsvolkes auf mindestens einer entscheidenden Ebene voraus. Auch das berühmte „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ basiert auf nichts anderem. Allerdings ist Homogenität eine sehr relative Angelegenheit. Homogen oder heterogen ist eine Sache nur in Bezug auf eine andere Sache. Auch „technisch“ gesehen ist ethnische Homogenität innerhalb eines Staatswesens keine Selbstverständlichkeit. Nach 1918 war es bekanntlich sehr schwierig bis unmöglich, die besiegten multinationalen Imperien in Nationalstaaten aufzuteilen, deren Grenzen mit den Siedlungsgebieten der jeweiligen aus dem angeblichen „Völkerkerker“ befreiten Völker identisch waren. Dies hat zu schweren Grenz- und Volksgruppenkonflikten geführt, die letztlich in den zweiten Weltkrieg mündeten. Hier stellt sich die Frage nach der politischen Umsetzung des Ethnopluralismus, und dies berührt auch das Problem der Minderheitenrechte. In meinem Buch zeige ich, dass bestimmte kommunitarische Formen des Multikulturalismus ideologisch dem Ethnopluralismus verwandt sind. Sie streben eine Ordnung an, in der unterschiedliche Volksgruppen in einem demokratisch-nationalstaatlichen Rahmen ihre Identität bewahren können. Ein Ethnopluralist würde kommunitarischen Konzepten zustimmen, sofern es sich um autochthone Minderheiten handelt, aber den Import von neuen, raumfremden Volksgruppen, die dann mühsam „integriert“ werden müssen, eher ablehnen. Den Behauptungen der „Rechtsextremismusexperten“ zum Trotz spielt der Begriff der „Reinheit“ im ethnopluralistischen Denken so gut wie keine Rolle. „Reinheit“ im Sinne einer exorbitant hohen ethnischen, kulturellen oder rassischen Homogenität eines Nationalstaates ist nur sehr selten – Japan und beide Koreas wären hierfür Beispiele.

Was wäre für dich aus europäischer Perspektive ein ethnopluralistischer Standpunkt zum Islam allgemein und zum Islam in Europa?

Ein radikaler Ethnopluralismus nimmt sich vor, Kulturen nicht zu bewerten oder sie zumindest nicht mit den eigenen Maßstäben zu messen. Es gibt nun in der islamischen Welt unzählige kulturelle Gepflogenheiten, die uns als abstoßend, rückständig, irrational oder grausam erscheinen. Aus europäischer Perspektive ist eine neutrale Haltung gegenüber dem Islam ziemlich schwierig, aus historischen wie auch kulturellen und mentalen Gründen. Damit meine ich nicht nur das „westliche“, moderne, universalistische Denken, das den Werten des Islams geradezu diametral entgegengesetzt ist. Ich denke, dass es darüber hinaus eine tiefe Wesensunvereinbarkeit zwischen der abendländischen und der islamischen Welt gibt, auch wenn wir immer schon unsere Orient- und Islamschwärmer hatten, von Goethe bis Guénon.

Es ist nun gerade die Zuwanderung aus islamischen Ländern und Kulturkreisen, die multikulturelle Träume regelmäßig zum Platzen bringt. Sie führt zur Bildung von Parallelgesellschaften und zu den intensivsten Konflikten mit den Völkern der Aufnahmeländer.

Andererseits hat es sich als nicht weniger schlechte Idee erwiesen, im Namen der „Demokratie“ oder der „offenen Gesellschaft“ islamische Gesellschaften zu „westlichen Werten“ zu bekehren, notfalls auch mit Bomben und militärischen Invasionen. Das Resultat ist der „Kampf der Kulturen“, von dem Samuel Huntington sprach. Diese missionarische Idee hat nach den amerikanischen Interventionen im Nahen Osten, die für die ganze Welt desaströse Folgen hatten, zwar an Zugkraft und Legitimation verloren, aber die die Doppelstrategie von „invite them, invade them“ ist nach wie vor globalistische Praxis, und wird unter Präsident Biden wohl ein Comeback erleben.

Wie bewertest du die aktuelle Diskussion um die Streichung des Rassebegriffs aus dem Grundgesetz?

Der Antirassismus behandelt den Komplex „Rasse“ als handele es sich um Schrödingers Katze. Rasse existiert und existiert gleichzeitig nicht, je nachdem, welche Strategie gerade gefahren wird. Einerseits ist sie ein „soziales Konstrukt“ ohne biologische Basis (analog zur Gender-Ideologie), andererseits wissen die einschlägigen Ideologen ganz genau, wer die „Weißen“ sind, denen alle Übel der Welt aufgeladen werden sollen, vom „strukturellen Rassismus“ über das „Patriarchat“ bis zum „menschengemachten Klimawandel“.

Hat der Begriff des Ethnopluralismus eine Zukunft? Welche metapolitische Bedeutung hat er und könnte dein Buch Einfluss darauf haben? Welche Rolle kann die IB dabei einnehmen?

Mein Buch soll vor allem zum Mit- und Weiterdenken anregen. Ob der Begriff des „Ethnopluralismus“ eine Zukunft hat, hängt davon ab, was die Leser daraus machen. Ich halte ihn nach wie vor für recht brauchbar und attraktiv, und plädiere zu allermindest dafür, ihn den Klauen der linken Deutungshoheit zu entreißen.

Martin, wir danken dir für das Gespräch!

Quelle: antaios.de

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