Ethnokulturelle Identität (Teil 1)

Ursprung und Dekonstruktion historischer Kontinuität


Der Begriff der Identität

Der Psychologe Erik Erikson hat Identität (lat.: identitas, idem „derselbe“) als die Fähigkeit beschrieben, „angesichts des wechselnden Schicksals, […] Kontinuität aufrecht zu erhalten“.

In der Literatur wird auch von individueller und kollektiver Identität gesprochen, welche eng miteinander verknüpft sind. Individuelle Identität ist nach Bensberg ein „Zusammenspiel von Distinktion und Identifikation in Bezug auf andere Personen sowie das Erkennen individueller Besonderheiten“. Der Politologe Samuel Huntington formulierte zugespitzt: „Was bei der Bewältigung einer Identitätskrise […] zählt, sind Blut und Überzeugung, Glaube und Familie“. Nach Huntington gesellen sich Menschen, die einen gleichen Hintergrund haben, zueinander. Identität bildet sich in diesem Sinne u.a. durch die Identifikation mit einer Kultur, die durch Abstammung, Herkunft, Sprache, Religion und Tradition bestimmt ist. Hier wird der Übergang zur kollektiven Identität deutlich. Diese sorgt für Vertrauensbildung innerhalb sozialer Beziehungen und ist Grundvorrausetzung für die Aufrechterhaltung politischer Ordnung. Entgegen anti-identitärer Vorwürfe ist dies erst dann chauvinistisch, oder rassistisch, wenn es in einer Überhöhung des Eigenen und einer Herabsetzung des Fremden mündet.

Heimat, Ethnie und Kultur als identitätsprägende Faktoren

Es ist notwendig, das Zusammenspiel dieser Faktoren zu betrachten, um zu erkennen, dass Menschen immer in konkrete Lebenszusammenhänge gestellt sind und sich ihre individuelle Identität im Rahmen eines gemeinschaftlichen Kontextes entfaltet. Der Mensch ist ein verortetes Lebewesen und schon für Aristoteles war die Frage nach der Glückseligkeit an einen Ort gebunden. Dieser „Rahmen, in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles, abschätzbares Handeln möglich ist“ (Bausinger), in dem ein Mensch geboren und sozialisiert wird, ist die Heimat.

Ethnie (altgr. éthnos: „Volk, Volksstamm“) bezeichnet eine abgrenzbare Gruppe, der aufgrund ihres Selbstverständnisses und Gemeinschaftsgefühls eine Identität als Volksgruppe zuerkannt wird. Grundlage dieses Selbstverständnisses können Sprache, Abstammung, Kultur, Religion oder Herkunft sein. Die identitätsstiftende Rolle der Ethnie wird heute vielfach heruntergespielt. Laut dem Anthropologen Francesco Gil-White oder dem Psychologen Lawrence Hirschfeld hat die Evolution jedoch eine „ethnische Psychologie“ hervorgebracht, in der Abstammung eine wesentliche Rolle spielt. Die nach außen dargestellte Abstammung einer Gruppe wird von Anderen akzeptiert und zieht so bei beiden Gruppen kongruentes Handeln nach sich. Es spielt daher kaum eine Rolle, ob sich Menschen so verhalten als ob oder weil sie eine Abstammungsgemeinschaft sind. Der Verhaltensökonom Herbert Gintis spricht von einer Gen-Kultur-Koevolution, da der Mensch durch Kultur die Umwelt ändert und durch die Umwelt wiederum ein auf die Gene wirkender Selektionsdruck ausgeübt wird.

Die Kultur ist nicht nur kollektives Identitätsmerkmal, sondern nach Charles Taylor auch ein notwendiger Bezugsrahmen, der einem Individuum erst jene Orientierung gibt bzw. Spielräume und Handlungsalternativen eröffnet, die es braucht, um die individuelle Identität selbstbestimmt entfalten zu können. Dementsprechend kann es laut Taylor zu pathologischen Erscheinungen kommen, wenn jene Kultur erodiert oder man gezwungen ist, seine eigene Kultur abzulegen und eine andere anzunehmen. Am konkreten Beispiel der Bundesrepublik hat dies sowohl auf autochthone Deutsche als auch auf Migrationshintergründler negative Auswirkungen.

Ethnopluralismus & ethnokulturelle Identität

Als Ausdruck der zuvor genannten Zusammenhänge und der Würdigung Ihrer Relevanz, sprechen wir von ethnokultureller Identität und Ethnopluralismus. Schon Johann Gottfried Herder kann als einer der geistigen Väter, des Im etymologischen Sinne „Völkervielfalt“ meinenden Ethnopluralismus gesehen werden:

„Die Verschiedenheit sollte ein Riegel gegen die anmaßende Verkettung der Völker […] werden: denn dem Haushalter der Welt war daran gelegen, dass […] jedes Volk und Geschlecht sein Gepräge, seinen Charakter erhielt“. „Unmöglich kann der Mensch als wie Meeresschleim mit allem zusammenfließen, unmöglich alles im gleichen Grade lieben.“

Rhetorisch geht der Begriff des Ethnopluralismus vor allem auf den Historiker und Soziologen Henning Eichberg zurück. In den 70ern verwendete er den Begriff im Zusammenhang mit seiner Kritik an der eurozentristisch geprägten Entwicklungshilfe.Er beschreibt ihn als die Grundeinsicht, dass „die Vielfalt in ihrer Differenzierung zwischen den Völkern […] schwerwiegender (ist) als bei oberflächlicher Betrachtung oft angenommen.“ Identität konstituiere sich „zugleich aufgrund von Unterscheidung, von Einsicht in das andere, das Fremde“.

Seitdem spielte Ethnopluralismus als konkreter Begriff eine eher untergeordnete Rolle, wenn auch die französische Neue Rechte (Nouvelle Droite) ethnopluralistische Standpunkte vertrat und maßgeblich zur Verbreitung dieses Standpunktes beitrug. Einer Ihrer Hauptvertreter, Alain de Benoist sprach von der durch universalistische Nivellierung bedrohten Vielgestaltigkeit der Welt, sowie seiner Freude daran, verschiedene Lebensweisen und verwurzelte Völker zu sehen, die auf diese Verschiedenheit stolz sind und sie kultivieren. Ab 2012 wurde der Begriff durch Martin Sellner und die Etablierung der Identitären Bewegung im deutschen Sprachraum wieder aufgegriffen. 2020 hat Martin Lichtmesz dem Begriff mit seinem Werk „Ethnopluralismus“ erstmals ein ganzes Buch gewidmet. Er zählt mehrere Eigenschaften auf, die ihn ausmachen. Ethnopluralismus…

– … als Gegenbegriff zum europäischen Ethnozentrismus bedeutet nichts anderes als die Anerkennung sowie prinzipielle Wertschätzung der Pluralität der Völker als eigenem erhaltenswerten Fakt

– … dient als Instrument der Selbstkritik des westlich-europäischen Denkens und der kritischen Revision des Verhältnisses zum Eigenen und zum Anderen

– … als anthropologischer Realismus und als Bewusstsein über Bedingungen und soziale Folgen menschlicher Gruppendifferenzierungen sowie der Grenzen des Zusammenlebens

– … als Bewusstsein, dass der andere tatsächlich anders ist. Die bedingt die Anerkennung seiner Menschenwürde und eine gewisse Grundachtung jeden Volkstums und jeder Lebensart

Diese Einsicht ist für uns die Essenz des Ethnopluralismus. Sie äußert sich nicht in der Ablehnung des Fremden, sondern in der Liebe zum Eigenen. Die Erkenntnis der Eigenartigkeit des Selbst als zu bewahrendem Wert an sich, äußert sich in der ethnokulturellen Identität. So wie es jedem anderen Volk auf der Erde zusteht, fordern wir auch die Bewahrung unserer deutschen und europäischen Identität ein.

Universalismus und Partikularismus

Ethnopluralismus und ethnokulturelle Identität lassen sich dem Partikularismus zuordnen. Im Kontext politischer Philosophie bedeutet dies, dass Werte nicht absolut gesetzt werden, sondern als gruppenabhängige Einstellungen mit unterschiedlicher Gültigkeit gesehen werden. Universalistisch sind hingegen Ansätze, die eine allgemeingültige und weltweit (ethisch) verbindliche Konzeption für die Deutung der Welt anbieten. Diese Sichtweise ist mit der Aufklärung aufgekommen und hat sich, befördert durch Liberalismus, Globalisierung und in der Bundesrepublik auch durch Vertreter der Frankfurter Schule, mittlerweile etabliert.

Identitäre Antworten auf konstruktivistische Argumente

Da das Konzept der ethnokulturellen Identität keinen Platz in universalistischen Weltbildern hat, werden diesem gegenüber, konstruktivistische Positionen eingenommen: Ethnisch und kulturell bedingte Einflüsse auf die Identität seien künstlich geschaffen und ließen sich daher auch beliebig ablegen oder anpassen. Vertreter dieser Ansicht beschränken sich häufig auf schlichtes Leugnen oder Dekonstruktion solcher identitätsbildenden Faktoren mittels rhetorischer Taschenspielertricks, denn „wer Menschheit sagt, will betrügen“ (Carl Schmitt). Substanziellere „anti-identitäre“ Argumentationen bedienen sich teilweise aus dem Kontext gerissener Bruchstücke der Forschung, z.B. des Anthropologen Frederic Barth oder des Politologen Benedict Anderson (Imagined Communities). Die Kernaussage in Andersons Werk ist jedoch lediglich, dass große Gemeinschaften, in denen sich zwangsläufig nicht jeder persönlich untereinander kennt, insofern „vorgestellt“ sind, als das mittels faktisch existenter gemeinsamer Merkmale unter den Mitgliedern die „Vorstellung“ einer Gemeinschaft herrscht. Radikalkonstruktivistische Ansätze wie sie im vorigen Absatz beschrieben wurden, kritisierte Anderson jedoch ausdrücklich. Barth hingegen ging davon aus, dass gemeinsame Kultur eher das Ergebnis als die Ursache eines gesellschaftlichen Abgrenzungsprozesses sei. Doch auch er distanzierte sich von seinen linken Epigonen, welche ethnische und kulturelle Faktoren in diesem Zusammenhang ausschließen.

Barth und Anderson zeigen allerdings, dass im Kontext ethnokultureller Identität gewisse „konstruierende“ Faktoren durchaus auch eine Rolle spielen. Diese konstruierten Teilaspekte, das zeigt ihre Forschung ebenfalls, sind aber nicht aus manipulativer Absicht oder am Reißbrett entstanden, sondern sie sind Ergebnis kontinuierlicher historischer Prozesse. Sie sind nicht künstlicher Spaltpilz der Menschheit, sondern organisch gewachsenes Fundament der Völker und des Menschen als sozialem Wesen. Auch etwas in Teilen „konstruiertes“ hat ganz reale Auswirkungen. Identität als starres Naturgesetz ist hingegen lediglich ein argumentativer Strohmann, den Universalisten Ihren Gegnern vorhalten. Gleiches gilt für den Ethnopluralismus. Die andauernde Gleichsetzung mit einem „Rassismus ohne Rassen“ oder absoluter ethnischer Homogenität lässt sich bei objektiver Analyse jedweder identitärer Quellen in keiner Weise rechtfertigen. Anerkennung und Wertschätzung von Verschiedenheit sind nicht gleichbedeutend mit der Auf- oder Abwertung verschiedener Ethnien, sondern das exakte Gegenteil. Die Forderung nach Bewahrung organisch gewachsener Verhältnisse enthält keinen Reinheitsgedanken und schließt auch gesellschaftliche Dynamik nicht aus. In der Praxis ist nicht der Ethnopluralismus chauvinistisch, sondern der Universalismus, da er letztlich „westlich“ geprägt ist und sich über kulturelle Eigenheiten stellt bzw. diese ignoriert.

Teil 2 setzt sich intensiver mit der Frage nach dem Begriff der „Menschheit“ in Abgrenzung zur identitären Positionsbestimmung der partikularen Gemeinschaften auseinander:

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