Ethnokulturelle Identität (Teil 2)

Die „Menschheit“ als politisches Subjekt?

In aktuellen Debatten werden oft lediglich „die Menschen“ bzw. die „Menschheit“ als politische Subjekte betrachtet (die Ausnahme bildet eine wachsende Anzahl gesellschaftlicher Minoritäten). Carl Schmitt sah in diesem universalistischen Menschheitsbegriff keinen politischen Begriff oder Status. Er betrachtete ihn als eine Reaktion der Aufklärung und „polemische Verneinung der damaligen […] ständischen Ordnung.“ Auch Joseph de Maistre bemerkte 1796 in seinen Betrachtungen über Frankreich: „Einen Menschen aber erkläre ich, nie im Leben gesehen zu haben […].“ Zwar existieren nach Kleine-Hartlage Individuen und auch die Menschheit empirisch als additive Gesamtheit jener Individuen, nicht aber als Kollektiv gemeinsamer Wertvorstellungen und wechselseitiger Solidaritätserwartungen. Diese Grundvoraussetzungen jeder Form von Gesellschaft finden sich nicht im „Menschenbrei“ (Herrmann Heller) der One-World-Ideologie, sondern nur in den identitätsstiftenden Abstufungen zwischen Individuum und Menschheit: Familie, Ethnie, Nation, Kultur oder Religion. Diese Abstufungen werden heutzutage jedoch wahlweise als zu beseitigende Störfaktoren oder als a priori überhaupt nicht existent angesehen.

Identität im Zeitalter universalistischer Auflösungsprozesse

Durch die Entwertung und Auflösung organischer Bindungen, steht der Einzelne mitunter orientierungslos vor der Herausforderung, Entscheidungen bezüglich seiner Identität selbst zu treffen. Dabei sieht er sich mit einem wachsenden Angebot an Identitätssubstituten wie Konsumfetischismus, Subkulturen, oder gesellschaftlichen Massenphänomenen konfrontiert. Diese Identitätshüllen können bei Nichtgefallen beliebig abgelegt werden. Da sie jedoch das Bedürfnis nach Identität womöglich nicht nachhaltig erfüllen, wird der „Markt der Identitäten“ nicht spurlos an der Psyche suchender Individuen vorbeigehen. Einzelne Extremfälle verfallen dabei gelegentlich in Ethnomasochismus und Glorifizierung fremder Identitäten oder verlieren sich in den Irrpfaden des Genderuniversums. Dieses immer unüberschaubarere „Angebot“ steht jedoch nicht im Widerspruch zum universalistischen Auflösungsprozess. Es ist lediglich eine mittlerweile ökonomisch durchdrungene gesellschaftliche Kurzschlussreaktion, um das hinterlassene Vakuum zu füllen.

Eine besondere Rolle nimmt dabei linke „Identitätspolitik“ ein, die einer wachsenden Zahl von Randgruppen gesellschaftliche Sonderstellungen verschaffen will. Kritische Beobachter dieser Entwicklung sind u.a. die US-Amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama und Mark Lilla, sowie die belgische Politologin Chantal Mouffe und der slowenische Philosoph Slavoj Zizek. Sie interpretieren Identitätspolitik als Reaktion der Linken auf ihr eigenes Versagen in der sozialen Frage. Statt des klassischen „Arbeiters“ ist eine wachsende Anzahl mutmaßlich ausgegrenzter Minderheiten das bevorzugte politische Subjekt. Statt der sozialen Klasse werden identitätsbildende Faktoren zur politischen Kategorie. Die Tatsache, dass z.B. weiße, christliche, oder heterosexuelle Lebensentwürfe und Identitäten von den gleichen Akteuren ignoriert oder herabgewürdigt werden, ist weder Zufall noch Nebenwirkung. Es ist programmatisch für universalistische Träume sowie linken Selbsthass und geht Hand in Hand mit weltweiten neoliberalen Tendenzen zur Atomisierung und Ökonomisierung der Gesellschaft. Doch schon Leopold von Ranke mahnte 1832: „Wollt ihr die Unterschiede vernichten, hütet euch, dass ihr nicht das Leben tötet“.

Somewheres und Anywheres

Abseits kritischer Betrachtung von Universalismus, Identitätspolitik und ethnologischen Fragen, bietet der Politologe David Goodhart eine weitere Deutung der eingangs analysierten neuen gesellschaftlichen Konfliktlinie an. Er beschreibt holzschnittartig zwei neue soziale Gruppen: Somewheres und Anywheres. Der Politik, Medien, Wirtschaft und Kultur dominierende Protoptyp des Anywheres gehört zu einer flexiblen, mobilen urbanen Elite und hat eine auf Bildungs- und Karriereerfolg beruhende „tragbare Identität“. Das Establishment der Anywheres ist liberal und hat ein globalistisch-universalistisches Weltbild. Es hat sich in den weltweiten Großstädten eine teils englischsprachige Blase aus den immergleichen Apartments, Restaurants und Privatschulen geschaffen. Ähnliche Beobachtungen machten Lord Ralf Dahrendorf mit einer „neuen sozialen Klasse“ und Zygmunt Baumann mit „Kosmopoliten“ (Gemeinschaften, 2009). Der Somewhere hingegen ist in seiner geographischen Identität verwurzelt, also „heimattreu“. Er sieht die stabilisierenden Selbstverständlichkeiten seines Lebensumfelds, mithin seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch globalisierungsbedingte Veränderungen bedroht.

Die Zukunft der Identitären Frage

Die hier skizzierte, vergleichsweise junge Konfliktlinie erzeugt heute gesellschaftliche Verwerfungen. Diese werden sich zuspitzen und die klassischen, politikwissenschaftlich bislang relevanten sozialen „cleavages“ überlagern, solange die Erfolge eines nötigen politischen Gegenentwurfs zum Universalismus ausbleiben. Die Erkenntnis und Würdigung der Relevanz ethnokultureller Identität steht zwingend am Anfang eines solchen Gegenentwurfs. Dieser darf jedoch weder von seinen Gegnern noch von seinen Befürwortern als naiver Wunsch nach einer Art weltweitem ethnopluralistischem Frieden oder einem „Ende der Geschichte“ missverstanden werden. Wer Vielfalt bejaht, muss auch Wettstreit, Widerspruch und Konflikte akzeptieren. Statt diese jedoch durch eine linke Vorstellung von Vielfalt künstlich zu befeuern und auf lokaler Ebene zu verwirklichen, sollte diese durch Grenzen eingehegt werden.  

Im politischen und privaten Alltag jedes Einzelnen gilt es, sich Lichtmesz‘ Worte in Erinnerung zu rufen: „Einige von uns erinnern sich noch, was das ist, eine Heimat, in der man immer genug Probleme haben wird, in der man sich aber nicht erklären muss, in der man sich zurückziehen kann in das Vertraute, in der man die Spielregeln kennt, in der man nicht gezwungen ist, ständig das Fremde zu konfrontieren und zu tolerieren […] und nicht genötigt wird, ständig das Eigene abzuwerten […], zu dekonstruieren.“ Um diese Erinnerung wieder Realität werden zu lassen, müssen wir uns entscheiden: Partikularismus oder Universalismus? Überleben als Volk oder Verlust unserer ethnokulturellen Identität und Untergang in einer Mann‘schen „Ewigkeitssuppe“? Entscheiden wir uns frei nach Bensberg dafür, wieder zu uns selbst zu finden und uns in einem vielfältigen Europa der Vaterländer friedlich unseren Platz zu sichern, statt unser reiches Erbe mit Füßen zu treten!

Hier geht es zu Teil 1 des Artikels:

Literaturhinweise:

Anderson, Benedict (1983): Imagined Communities.

Barth, Fredrik (1969): Ethnic Groups and Boundaries – The Social Organization of Cultural Difference.

Baumann, Zygmunt (2009): Gemeinschaften.

Bausinger, Hermann (1980). Kulturelle Identität – Schlagwort und Wirklichkeit, in: Konrad Köstlin u.a. (Hrsg.): Heimat und Identität. Probleme regionaler Kultur, S.9-24.

Benoist, Alain de (1985/2017): Kulturrevolution von Rechts: S. 56.

Benoist, Alain de (2008): Wir und die anderen.

Bensberg, Gabriele (2018): Schicksalsfrage Identität, S. 21.

Dahrendorf, Ralf (2003): Krisen der Demokratie. Ein Gespräch mit Antonio Polito.

Eichberg, Henning (1978): Nationale Identität – Entfremdung u. nationale Frage i. d. Industriegesellschaft, S.7.

Erikson, Erik H. (1959): Identität und Lebenszyklus, S. 82.

Gil-White, F.J. (2005). How Conformism Creates Ethnicity Creates Conformism. The Monist, 88, 189-237.

Gintis, Herbert (2011): Gene-Culture-Coevolution and the Nature of Human Sociality, S. 878.

Goodhart, David (2017: The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics.

Heller, Hermann (1925/2019): Sozialismus und Nation.

Herder, Johann Gottfried (1797): Briefe zur Beförderung der Humanität.

Herder, Johann Gottfried (1785): Liebe und Selbstheit.

Huntington, Samuel (1996): Kampf der Kulturen, S. 194.

Kaiser, Benedikt (2019): Blick nach links. Kaplaken 61.

Kaiser, Benedikt (2019): Ethnizität und Exterritorialität. Sezession Nr. 88.

Kleine-Hartlage, Manfred (2019): Die Liberale Gesellschaft und Ihr Ende, S. 358.

Lichtmesz, Martin (2017): Die Verteidigung des Eigenen. Fünf Traktate. Kaplaken 28.

Lichtmesz, Martin (2020): Ethnopluralismus

Maistre, Joseph de (1796): Betrachtungen über Frankreich.

Ranke, Leopold von (1832): Ueber die Trennung und die Einheit von Deutschland. Die großen Mächte. Preußen. In: Historisch-politische Zeitschrift, 1. Band.

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