Nationalismus Revisited – Teil 4

Der Identitäre überwindet also mit dem Universalismus auch die Ideologie des Nationalismus. Er durchschaut ihn in seiner „biologischen“ sowie seiner „staatlichen“ Form als „Nationalisierung“ des Universalismus. Es wechselt immer nur der Inhalt, aber nicht die Systematik und Struktur. Er äußert sich nach außen mit missionarischem Erlösungswahn, fanatischem Imperialismus, rassischem und kulturellem Chauvinismus und nach innen mit Vereinheitlichung, totaler Mobilmachung, Zentralisierung und Totalitarismus.

XI. Die Frage nach dem Sinn

Der Identitäre erkennt, dass der Nationalismus nur eine bestimmte, vom Universalismus geprägte Bezugnahme auf die ethnokulturelle Identität ist, welche die eigentliche verstellt, verzerrt und verkrüppelt. Herkunft und Heimat sind die unhintergehbaren Grundlagen des Daseins, in die jeder Mensch ebenso geworfen ist, wie in seine Körperlichkeit, seine Familienzugehörigkeit. Jede Suche nach Sinn und jede Frage nach Wahrheit geht immer von diesem Boden aus – und jedem Fragenden antwortet und zeigt die Welt sich anders. Jede Sicht nimmt die Welt anders wahr. Doch die Frage nach Sinn lässt sich nicht einfach mit der faktischen Existenz des Volks und seinem Dasein umfassend beantworten. Nur damit, dass es unser Volk gibt und wir sein Leben erhalten wollen, ist keine Sinnfrage beantwortet. Dieser Wahn tritt erst mit dem modernen Nationalismus auf – unsere Vorfahren kannten ihn zu keiner Zeit. Es ist wie Dostojewski schreibt:

“Denn das Geheimnis des Menschenlebens liegt nicht im bloßen Dasein, sondern im Zweck des Daseins. Ohne feste Vorstellung wozu er leben soll, wird der Mensch gar nicht leben wollen,…”

Das Dasein fragt sich notwendig nach dem eigenen Sinn, der nicht allein in der nackten Daseinserhaltung selbst liegen kann. Denn wäre diese der einzige Sinn, dann könnte eine derartige sinnlose, „selbstkritische“ Frage gar nicht aufkommen können. Wir erleben es aber in Sinnkrisen ständig am eigenen Leib. Wir wollen mehr! Diese Überlegungen führen hier zu tief und zu weit. Sie zeigen aber, dass für uns die Frage nach Wahrheit und Sinn keine ausgemachten, abgehakten Tagesordnungspunkte sind, die man in irgendwelchen Schulungsblättern nachlesen kann. Man kann diese tiefen Fragen nicht einfach allesamt mit „das Volk“ beantworten.

Heidegger bringt es so auf den Punkt: Man will sich nicht eingestehen, dass man keine Ziele hat. Die „Mittel für die Zielaufrichtung und Verfolgung“ werden „selbst zum Ziel hinaufgesteigert: das Volk z.B.“1 Er schreibt weiter:

„Erhaltung des Volkes ist nie ein mögliches Ziel, sondern nur Bedingung einer Zielsetzung. Wird die Bedingung aber zum Unbedingten, so kommt das Nichtwollen des Ziels, das Abschneiden jeder ausgreifenden Besinnung zur Macht.“2

Wir stellen die Frage nach dem Sinn neu, wir setzen sie in gebotener Höhe an, aber wir vergessen dabei nicht auf ihre ethnokulturelle Tiefe; auf: Herkunft, Heimat und Kultur. Der Universalismus ist der Versuch, diese Frage, die „ausgreifende Besinnung“ mit einem ewigen und exklusiven „göttlichen Gesetz“ oder einseitigen, materialistischen „Naturgesetz“ zu beantworten. Der Nationalismus ist die – im Endeffekt biologistische – subjektivistische und zutiefst moderne Version des Universalismus, in der das eigene Volk als metaphysische „Nation“, als absoluter, „reiner“ und zeitloser und weltferner Wert gesetzt und aus dem Zeitenstrom gerissen wird.

Ein Identitärer erkennt, dass sein Volk in einen größeren Zusammenhang, einen ganzen Kosmos eingebettet ist. Er überträgt nicht den Egoismus und die Kurzsichtigkeit des Liberalismus auf ein „Volkssubjekt“, er sieht das Ziel nicht darin, auf Kosten anderer zu expandieren, andere auszubeuten und mit allen Mitteln die eigene Macht zu vergrößern. Er erkennt als wahre Aufgabe die Vervollkommnung des eigenen Wesens. Das ist gleichzeitig die Frage nach dem eigenen Wesen, nach Sinn und Wahrheit, die jeder Mensch und jedes Volk für sich beantworten muss. Sein Volk ist kein „Urvolk“, das reiner, besser oder „völkischer“ als andere Völker ist. Er verlangt keine Vorrechte und Sonderrechte gegenüber anderen. Er vertritt aber stolz und selbstverständlich die eigenen Interessen, den eigenen Standpunkt in einer dynamischen Welt der Spannung.

Das eigene Volk ist für ihn nicht die einzige und absolute Quelle von Wahrheit, Werten und Moral. Die eigene Kultur ist keine absolute und endgültige Weltdeutung. Sie ist nicht das „Wesen“, an dem die „Welt genesen“ muss; keine unbedingte „zivilisatorische Mission“ ist an sie geknüpft. Die eigene Identität steht in ihrer Vielfalt und Tradition für sich und soll unverfälscht erhalten und undogmatisch weitergeführt werden.

Der Nationalist liebt seine Herkunft und Kultur niemals wirklich um ihrer selbst willen und als das, was sie ist. Sie ist für ihn letztlich immer eine Krücke, ein Ersatzobjekt für die universalistische Wahrheit und eine dogmatische Sperre gegen die Aufgabe, immer wieder neu nach Sinn und Wahrheit zu suchen. Der Identitäre erkennt, dass mit der Tatsache, dass er zu einem Volk gehört, dass er zu ihm steht und es erhalten will, noch nicht alles über sein Leben ausgesagt ist; dass seine Heimat und sein Volk unabdingbare Aspekte seiner Identität sind, dass diese sich aber nicht vollkommen in ihnen erschöpft. Er kämpft heute mit voller Kraft um den Erhalt seiner ethnokulturellen Identität, weil sie wie noch nie bedroht ist, nicht aber, weil er „neurotisch“ auf sie fixiert wäre, weil sie „alles“ und er selbst „nichts“ sei. Nicht er selbst, seine Gegner sind es, die ihm diesen Abwehrkampf aufzwingen. Er selbst will zurück und voran zu einer „neuen, alten“ Selbstverständlichkeit von Heimat, Herkunft, Bewahrung des Eigenen und Achtung des Anderen.

XII. Ein Fazit

Bevor ich diesen langen, aber hoffentlich anregenden Text abschließe, möchte ich das bisher Gesagte noch einmal kurz zusammenfassen: Wir sind von einem diffusen Nationalismusverständnis ausgegangen, das sowohl im rechten Lager als auch auf Seiten der Gegner herrscht. Nationalismus wird dabei als provokanter Überbegriff für einen „3. Weg“ und eine 3. politische Theorie gebraucht und meint vor allem die Hinwendung zur eigenen Herkunft und die Ablehnung von Marxismus und Liberalismus. Gleichzeitig trat diese Hinwendung zum Eigenen in der konkreten Ära des „Nationalismus“ aber fast immer mit größenwahnsinnigem Chauvinismus, pseudoreligiösem Auserwähltheitswahn und hasserfüllter Abgrenzung gegen die Nachbarvölker auf. Wir sahen auch, dass die politischen Folgen dieser Ära der Ideologien, zu der auch der Nationalismus gehört, klare Unterschiede zu einer „kämpferischen Daseinserhaltung“ der Vorzeit, wie Weltkriege, gezielte Auslöschungsversuche, etc. aufwies.

Wir haben daher mit einem kritisch-genealogischen Seziermesser in dieses diffuse Gemenge geschnitten und die geistesgeschichtlichen Umstände dieser „Hinwendung zum Eigenen“ unter die Lupe genommen. Wir haben dabei gesehen, dass sowohl staatsbezogener, als auch „volksbezogener“ Nationalismus im Grunde das Volk als Ersatz für den universalistischen Gottesbegriff und das universalistische „Gottesvolk“ missbraucht hatten. Daraus ergaben sich zwei schwerwiegende Mängel des Nationalismus, die auch seine Unterschiede zum identitären Ethnopluralismus ausmachen:
1. die falsche, verengte, statische und abstrakte Vorstellung der eigenen ethnokulturellen Gemeinschaft als „Nation“, die oft die Regionen und Europa ausblendete. 2. der falsche, letztlich egozentrisch-subjektivistische Bezug auf die Nation, die als einzige Quelle von Identität, Wahrheit, Sinn und Ethik herhalten soll und um sich nur Todfeinde hat.

Diese beiden Mängel sind eine klare Erbschaft des westlichen Universalismus, aus dem heraus der Nationalismus selbst als modernes Phänomen erst verständlich wird. Die Verteidiger Spartas waren keine „Nationalisten“, Karl Martell war kein „Nationalist“, Hermann der Cherusker war kein „Nationalist“. Sie alle hatten eine ganzheitlichere Weltsicht, in die der Erhalt der eigenen Tradition und das Bewusstsein der eigenen Herkunft selbstverständlich eingewoben war. Ihre Identität war keine künstliche Abstraktion wie die zentralistische Nation, die sich gleich einem krebsbefallenem Organ aus dem ethnokulturellen Zusammenhang der europäischen Völkerfamilie abspaltet. Selbstverständlich verteidigten sie ihre Herkunft und Tradition auf der Ebene und auf der Front, auf der sie gerade bedroht war, von der Region, über das Volk bis hin zum Großraum.3

Diese Selbstverständlichkeit ging nicht zuletzt aufgrund der Ableitung von Wahrheit und Herrschaft aus fremden und von der ethnokulturellen Identität völlig losgelösten Quellen im religiösen Universalismus verloren. Auch im darauf folgenden dynastischen Absolutismus, in machiavellistischen Konzeptionen war die ethnokulturelle Identität verschüttet und die heiße Sehnsucht, mit der sie im Gefolge der Revolution vom „Volk“ wieder angeeignet wurde, ist durchaus verständlich. Diese Neuaneignung der eigenen Identität und der politischen Herrschaftslegitimation brachte aber mit dem aufklärerischen Nationalismus die oben beschriebene, neue Form der Bezugnahme auf, die wir heute aus identitärer Sicht kritisieren müssen.

Man kann also den Nationalismus nicht nur stückweise mit Schlagworten wie „Chauvinismus“, „Schaffung eines souveränen Nationalstaates“ oder „Integration aller Angehörigen der Nation zur homogenen Gemeinschaft“ beschreiben. Streben nach Gemeinschaft, Unabhängigkeit, kriegerische Auseinandersetzungen verbunden mit Geringschätzung anderer sind immer auch „Nebeneffekte“ des Politischen, das selbst ewiger Aspekt des Daseins ist. Der Mensch ist als Gemeinschaftswesen primär in eine Vielfalt an unterschiedlichen, pfadabhängigen, ethnokulturellen Gemeinschaften eingebunden. Er existiert immer als Angehöriger einer Kultur und ist jenseits von Sprache, Herkunft und Kultur nur als sekundäre Abstraktion denkbar. Diese politische Welt als Pluriversum erzeugt notwendig immer wieder die oben erwähnten Reibungen, Abgrenzungen, Zusammenballungen und Konflikte. Diese als „Nationalismus“ zu bezeichnen, wäre absurd – der Begriff würde total entgrenzt und verlöre jede konkrete Bedeutung. Karl Martell, Leonidas, Hermann der Cherusker, Cäsar und König David würden allesamt zu „Nationalisten“. Ihn auf Phänomene anzuwenden, die vor und unabhängig von der westlich-universalistischen Moderne auftraten, ist eine verfehlte Rückprojektion. Sie dient letztlich nur den Feinden aller Völker zur totalen Verteufelung jeder ethnischen Identität. Sie dient ihnen in ihrer Lüge, das Volk und die Kultur als „abgehakte“ Abschnitte eines universalistischen Fortschrittsprozess darzustellen.

Will man den Nationalismus in seinem Wesen verstehen und erkennen, was ihn als Phänomen vom bloßen „Ethnozentrismus“ – etwa des alten Roms – unterscheidet, so muss man, meiner Ansicht nach, auf den zentralen Aspekt abzielen, der die westliche Geistesgeschichte ausmacht. Man muss ihn in seinem Bezug und in der Erbfolge des Universalismus verstehen und kritisieren. Tut man das nicht, schafft man hier keine Klarheit. Man subsummiert einfach Prinzipien des menschlichen Daseins, das Politische, die geschlichtliche, sprachliche und ethnokulturelle Verwurzelung unter dem Schlagwort „Nationalismus“. Das ist bereits selbst ein universalistischer Akt. Man setzt eine bestimmte Epoche des westlichen Denkens mit einem allgemeinem Aspekt des Menschen gleich. Indem man diese Epoche des westlichen Denkens (Nationalismus) kritisiert und abhakt, will man damit im gleichen Atemzug alle Völker und Kulturen an sich abhaken und abschaffen. Die “Old School”-Nationalisten unterstützen diesen Wahnsinn unbewusst, indem sie sich weigern, eine anti-universalistische Selbstkritik am westlichen Nationalismus zu unternehmen und ihren jeweiligen Fetisch der 3. politischen Theorie als „ewiges Naturgesetz“ aufblasen.

Es ist nichts anderes, als wenn ein Marxist den Spartakusaufstand oder die Bauernrebellionen als „frühsozialistisch“ betrachtet, wenn ein Liberaler die attische Demokratie als Vorform der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung missdeutet oder ein Muslim jede Religion als Verfalls- oder Vorform des Islams beleidigt.

Völker sind ewige Prinzipien des Menschen als Gemeinschaftswesens. Der “Nationalismus” ist aber nicht das ewige Prinzip und “Naturgesetz“, das “Erhaltung des Eigenen” aussagt. Ich wiederhole es: Die 300 Spartaner waren keine Nationalisten, Karl Martell war kein Nationalist und auch die Verteidiger von Wien waren keine. Wie haben sie es, die dieses “ewigen Naturgesetz” noch gar nicht kannten, gar keinen Namen dafür hatten, dennoch geschafft, ihre Heimat zu verteidigen? Ganz einfach: weil es dieses “ewige, zeitlose Gesetz des Nationalismus” gar nicht gibt. Man braucht keinen, modernen, materialistischen, biologistischen „Ismus“, um die eigene Identität zu bewahren und zu verteidigen. Man braucht das nur, wenn man will, dass die eigene Identität den ideologischen Ansprüchen einer universalistischen Ideologie genügt. Man braucht es also, wenn man primär Universalist ist, der sich eine nationalistische Prägung geben will.

Verblendete Nationalisten waren hingegen die „Hurra-Patrioten“, die im 1. Weltkrieg in Europa aufeinander losgehetzt wurden. Dieser Krieg ist mit seinem Nachfolgekrieg in der bekannten Geschichte einzigartig. Unzählige Großreichkonzeptionen, Pangermanismus, Panslawismus, „mare nostra“, Großpolen, Großungarn, Großserbien, etc. prallten unversöhnlich aufeinander. Hier einen „Guten“, ein „Opfer“, das von „Bösen“ umringt war, zu sehen, ist Selbstbetrug. Nie zuvor hatte sich eine ganze Völkerfamilie derart selbst zerfleischt. Europas Selbstzerstörung in der Ära des Nationalismus stellt einen radikalen Kontrast zum natürlichen identitären Verhalten sonstiger Großräume und Völkerfamilien dar. Die unausbleiblichen Konflikte, Fehden und Differenzen führen niemals zur Selbstzerfleischung und sie ruhen, wenn eine gemeinsame Bedrohung auftaucht.4

Anders im großen “europäischen Bürgerkrieg”, der als einzigartiges Phänomen die These, dass der Nationalismus ein modernes, universalistisches Phänomen ist, unterstreicht. Doch er ist mit einem anderen Ereignis vergleichbar: mit dem 30jährigen Krieg. Auch hier spaltete eine universalistisch-religiöse Frage ein Volk und einen Kontinent, und führte zu einer erbitterten Selbstzerstörung, einer Entmenschlichung des nächsten Nachbarn. Jeder kann nach dem Gelesenen wohl selbst seinen eigenen Schluss für den Nationalismus ziehen. Wir dürfen dabei aber nicht unfair und anmaßend werden.

Mann muss ihm als Phänomen gerecht werden. Man muss seine leidenschaftliche Intentionen, seine teils berechtigten Forderungen anerkennen. Aber man muss ihn als geschichtliches Phänomen, als ideologischen Begriff erkennen, dessen Zeit vorbei ist. Er ist keine „ewige Kategorie“, kein „Naturgesetz“ – er ist eine bestimmte Sichtweise und Bezugnahme auf die ewige Wirklichkeit und ihre Phänomene. Nation ist nicht gleich Volk und Nationalismus ist nicht gleich Erhalt des Volkes. Er ist nur, teils gut gemeinter, aber moderner und mangelhafter Versuch, unsere ethnokulturelles Dasein zu deuten und zu beschreiben. Dieses Verständnis ist die Quintessenz dieses Textes, zu der ich Dir, lieber und ausdauernder Leser, hoffentlich nicht allzu langatmig und wortreich, verhelfen konnte.

XIII. Die Notwendigkeit, den Nationalismus zu überwinden

„Wozu dieser lange Text?“ mag sich nun der eine oder andere fragen. Hätte man das nicht kürzer sagen können? Ja, das hätte man. Und oft haben Identitäre das auch schon getan. So wie etwa Fabrice Robert, Leiter des Bloc Identitaire, als er sagte:

„Wir sind keine Nationalisten. Der Nationalismus war ein Drama für Europa“.

Ich vermisste aber bisher in der Identitären Bewegung, vor allem im deutschsprachigen Raum, eine fundierte Kritik des Nationalismus, die über zwei oft geübte Reflexe hinausgeht:

1. Bloße Kritik des etatistischen und liberalen Nationalismus, dem man den völkischen Nationalismus entgegensetzt.
2. Bloß taktische Kritik des Nationalismus, als „derzeit“ schädlich für Europa.

Nationalismus in seiner Entstehung und Bedeutung als universalistisches Phänomen ist in jeder Form und zu jeder Zeit schlecht für Volk und Europa. Wäre „Nationalismus“ hingegen ein bloßes Synonym für die „Erhaltung des Eigenen“, wäre der Begriff erst recht unnötig. Gerade weil er heute negativ beurteilt wird, muss man sich darüber klar werden, was er bedeutet und was nicht. Im allgemeinen Wortgebrauch wird er meist mit „Chauvinismus“ gleichgesetzt. Das ist genauso verkürzt und falsch wie die Gleichsetzung mit „Selbsterhaltung“ im rechten Lager. Wir haben heute aber als Identitäre keinerlei Bedürfnis, dieses allgemeine Verständnis von Nationalismus zu korrigieren und den Begriff zu „retten“.

Dieser Artikel soll ein Denkanstoß sein, dem Konzept des Nationalismus selbst auf den Zahn zu fühlen. Dazu ist es nötig, „ad fontes“, also an die Quellen seiner Entstehung zu gehen, was ich, soweit Raum dafür war, versucht habe. Das Ergebnis ist, dass der Nationalismus in allen Formen das Erbe des Universalismus antritt und eine „partikularistische Version“ davon selbst ist. Das Denken dahinter ist letztlich der moderne Subjektivismus, der Verlust der Mitte und Ganzheit und der universalistische Wahn, einen Aspekt unseres Daseins auf Kosten aller anderen zu totalisieren. Der Identitären Bewegung und dem Ethnopluralismus muss es um die Überwindung dieses Denkens gehen. Es darf nicht nur mit neuen Begriffen und Logos übertüncht werden. Es geht hier nicht darum, anderen zu gefallen oder um abgehobene akademische Debatten. Das nationalistische Denken hat den Völkern Europas schwer geschadet. Es ist mitverantwortlich für den großen, selbstzerstörerischen „Bürgerkrieg“ der Moderne. Heute verhindert es eine gesamteuropäische Besinnung und verbaut mancherorts als 3. Politische Theorie eine gesamteuropäische Verteidigungs- und Identitätsbewegung.

So wie die alten nationalistischen Bewegungen in ihrem Effekt fast immer chauvinistisch, kriegslüstern, imperalistisch und antieuropäisch waren, so taumeln die modernen Vertreter der 3PT wieder in genau denselben Abgrund hinein. Mit schlafwandlerischer Sicherheit wird von den meisten heutigen Bewegungen, die sich als „nationalistisch“ verstehen, irgend eine hinderliche, sinnlos gewordene Erbfeindschaft, irgend ein nutzloser Klotz am Bein mitgeschleppt und mit „Tradition“ verwechselt. Ob es nun die Südtirolversessenheit italienischer Faschisten, das aufgewärmte Trianon-Trauma der Ungarn, der Krisenherd des Ostblocks oder die Mazedonien-Fragen der Griechen sind – der “Old School”-Nationalismus lenkt immer von der wesentlichen Frage ab: Was tun gegen die Kolonisation Europas durch Nichteuropäer?

Er muss das tun, weil er als universalistisches Dogma zu keiner echten Erkenntnis der Wirklichkeit, zu keiner Lagebeurteilung und damit zu keiner adäquaten Reaktion fähig ist. Er hat, wie ich beschrieben habe, erstens ein falsches, schematisches, statisches Verständnis darüber, worum es geht. Er macht aus der dreifaltigen und dynamischen, ewigen ethnokulturellen Identität die moderne Nation. Zweitens hat er einen falschen und gestörten Bezug zu ihr, indem er sie als Ersatzobjekt für den universalistischen Phantomschmerz missbraucht, welchen der „Tod Gottes“ hinterlassen hat.

Der Nationalismus ist nichts anderes als der Versuch, den Nihilismus, der mit dem Untergang des Universalismus heraufgezogen ist, mit der Absolutsetzung eines künstlichen Nationsbegriffes abzuwehren. Er hebt damit Subjektivismus, Werteverfall, Sinnentleertheit und die „Auflösung aller Dinge“ nur auf eine höhere Ebene und stellt sich ihnen nicht wirklich. „Überall kreist der Mensch, ausgestoßen aus der Wahrheit des Seins, um sich selbst (…).“5

Die seinsgeschichtliche Aufgabe einer Identitätsbewegung wird es sein, diese Misere mit unserem Bezug auf Europa nicht einfach auf eine weitere Ebene zu verschieben, also aus Europa eine „große Nation“ zu machen. Dieser Schritt, der im Grunde das maximale Potential des nationalistischen Europa-Bewusstsein darstellt, ist nach wie vor vom universalistischen Denken infiziert. Er würde einen fanatischen Krieg nach außen, Totalitarismus und Vereinheitlichung nach innen, biologistische und darwinistische Betäubungen gegen eine echte Sinnfrage bedeuten. Letztlich würde er damit keine Antwort auf die großen Fragen bedeuten, die heute das ganze Dasein umstellen und es in den Nihilismus treiben. Es geht eben nicht „nur“ um den nackten Erhalt unseres Daseins, für den wir heute eben „zufällig“ europäisch denken müssen. Es geht um die Frage nach dem Sinn unseres Daseins und unser Wissen, dass sie uns als Volk und ethnokulturelle Gemeinschaft aus dem Ganzen heraus gestellt ist.

Identitär zu denken heißt vor allem ganzheitlich zu denken und in diesem Ganzen das eigene Dasein zu behaupten. Die Forderung nach einer Reconquista Europas, der Kampf gegen unseren ethnokulturellen Untergang und gegen die Masseneinwanderung und die metaphysische Landnahme durch den (nebenbei universalistischen) Islam ist nicht zu trennen von den globalen Problemen, dem Kapitalismus, der Umweltzerstörung, der Ausbeutung, der Ungerechtigkeit und der allgemeinen Entwurzelung. Wenn wir für den Erhalt unserer Identität kämpfen, tun wir das nicht „egoistisch“ oder „nur für uns“. Wir, und damit möchte ich zum Schluss dieser Gedankengänge kommen und mich nebenbei, beim ausdauernden Leser für das „Mitgehen“ bedanken, wir kämpfen gegen eine globale Tendenz der Vereinheitlichung, der Entzauberung, Entfremdung und Vermassung, gegen die Vernichtung von Freiheit, Vielfalt, Behausung und Verwurzelung. Diese Tendenz betrifft den gesamten Westen und alle Völker, die er mit seinem Denken verseucht hat.

Wir wollen uns in eine große, richtig verstandene Ganzheit einfügen, in der der Erhalt unseres Volkes und unserer Kultur gerade kein „Egoismus“, kein „Atavismus“, sondern Recht, Pflicht und Würde eines jeden ist. Es ist eine Ganzheit, die das totale Gegenteil zum Internationalismus, zur Menschheit und zum Weltstaat der Moderne darstellt. Unser Raum in ihr, in dem unser Volk und Kultur das klare Zentrum unserer Weltsicht ist, wird von uns behauptet – wir verwechseln ihn aber nicht mit dem Zentrum der Welt an sich. Wir kämpfen gegen den Universalismus und damit auch gegen einen universalistischen Nationalismus.

Das ist eine Tatsache, die ins identitäre Bewusstsein eindringen muss, um letztlich auch im Auftreten nach außen zu dringen. Es äußert sich in jeder Weigerung, den Gegner zu entmenschen und in die billige Hetze mancher Rechten einzustimmen, in der bewussten, wachen und kritischen Übernahme der Tradition, nicht ihrer dumpfen und unterschiedslosen Vergötzung. Vor allem äußert es sich darin, dass wir nach wie vor auf der Suche sind und nicht einmal den Anschein erwecken wollen, dass wir „fertige Antworten haben“. In diesem Sinne ist auch die 4. politische Theorie zu verstehen, die, wie Dugin sagt, kein fertiges Konzept, sondern eine „richtig gestellte Frage“ ist. Diese Frage geht über das Volk hinaus, niemals aber vergisst sie auf das Volk. Wie ein Baum, dessen Äste in den Äther dringen, niemals ohne seine Wurzeln, die tief im Boden verhaftet sind, stehen kann.

Wir müssen mit aller Schärfe gegen die diffuse Vermischung von Heimatliebe, Erhalt des Eigenen, Abgrenzung von Anderem, Bejahung von Grenzen, Werten und Traditionen mit der Ideologie das Nationalismus vorgehen. Dieser diffuse Mischkrug, in dem Ethnopluralisten und Identitäre mit den wüstesten White-Power-Chauvinisten und Alt-NSlern als “Nationalisten” zusammengefasst werden, ist ein Werkzeug unserer Feinde! Jeder, der sich aus Denk-Faulheit, und weil er “gegen Spaltung” ist, einer Nationalismuskritik verweigert, dient damit letztlich dem Feind.

Das, was ewig ist, die wehrhafte Erhaltung der eigenen Stellung in der Welt, ist gerade nicht identisch mit dem Nationalismus, der, wie wir gesehen haben, eine vorübergehende Ideologie der Moderne ist. Er ist kein “ewiges Naturgesetz”. Zwar ist seine Reaktion, wie die gesamte Reaktion der 3PT auf Marxismus und Liberalismus verständlich. Doch auch der Freiheitsdrang der Ur-Libertären und die Sehnsucht nach Gemeinschaft der Ur-Kommunisten sind verständlich und es wäre falsch, diese Ideologien als durch und durch bösartig abzutun. Sie alle müssen in ihrer Intention teilweise gewürdigt, aber in ihrer Konsequenz ganz verworfen werden. Dieses Bewusstsein muss gefühlt werden. Es muss sich äußern, denn es geht uns aber auch darum, verstanden zu werden. Unsere große Angst ist auch, frei nach Nietzsche, missverstanden zu werden: „Verwechselt mich vor Allem nicht!“ Wer also identitär denkt, sich aber aus Bequemlichkeit, Rücksicht, Provokationssucht oder falscher Tradition immer noch „Nationalist“ nennt, lügt. Er belügt sich und andere. Er handelt unverantwortlich gegenüber seinem Volk.

Ich appelliere daher auch immer wieder an alle Identitäre, freimütig und offen, ohne Polemik, Begriffsklauberei und Besserwisserei (auch wenn wir es wirklich mal besser wissen) zu bekennen: Ja, wir stehen für den Erhalt unserer ethnokulturellen Identität, gegen Masseneinwanderung, gegen die Lüge von „Menschheit und Weltstaat“, für den Erhalt der Völker, der Wurzeln, der Herkunft und der Heimat, aber NEIN, wir sind KEINE Nationalisten.

Wenn wir damit die starren Schubladen von Liberalen, Marxisten und Nationalisten sprengen sollten, soll uns das nur recht sein. Sie müssen mit uns klar kommen. Wir funktionieren nicht nach ihrem Schema. Sie werden sich an uns anpassen müssen – nicht umgekehrt. Die Universalisten müssen Platz machen und zurückstecken.Sie müssen sich ändern – nicht wir. Ihr System wird fallen, nicht wir.

1 Martin Heidegger, GA 65, S. 139

2oa. S. 99

3 Heute, da ein technisches Gestell mit den Möglichkeiten der Massenvernichtungswaffen, der Gentechnik und der Atomenergie, teils das Überleben aller Völker und Menschen überhaupt bedroht, ergibt sich hier für ein identitäres Denken durchaus die Frage nach einer temporären Zusammenarbeit gegen diese Gefahr, die aber niemals die Völker auflösen oder zerstören will. Ist es ja gerade diese Tendenz des Internationalismus und der globalen Vereinheitlichung, die Hand in Hand mit diesen Gefahren geht. Man wird die Menschheit niemals retten, indem man die Völker vernichtet.

4 Die Rolle von Liberalismus und Marxismus im 2. Weltkrieg bleibt in diesem Artikel außen vor. Sie wird in unseren Zusammenhängen oft genug analysiert. Die Rolle des Nationalismus hingegen bleibt oft unbeachtet. Ich lade jeden Leser zu folgendem Gedankenexperiment ein: Was wäre denn geschehen, wenn es keine marxistische Bedrohung gegeben hätte? Wäre es nicht zu einem zweiten 1. Weltkrieg, zu einer neuen Revanche, zu einem innereuropäischen „Jeder gegen“ mit noch vernichtender, noch brutalerer Kriegsführung gekommen?

5 Martin Heidegger, GA 9, S. 28

Die Wiedererlangung des Politischen

Wenn wir die Welt als das definieren, was zwischen den Menschen ist, dann kann dieses “Dazwischen” zerstört werden, wenn ich die Begriffe, aus denen es besteht, überdehne. Wenn z. B. ein Jeder Frau sein kann, dann verliert der Begriff „Frau“, wenn jeder jeden heiraten kann, dann verliert der Begriff „Ehe“ seine Bedeutung. Die Welt kann sehr wohl unendlich verschieden interpretiert werden, die Interpretation ist jedoch nicht beliebig, sie hat Grenzen. Ich folge hier Umberto Ecos Verständnis von den Grenzen der Interpretation, und er unterscheidet, verkürzt gesagt, zwischen interpretieren und benutzen. Beides ist möglich, doch trennt sich das Benutzen vom ursprünglichen Text — die Welt ist für Eco Text.  Wenn das, was ich über die Welt sage, keine intersubjektivierbaren, kontextuellen Referenzen mehr hat, dann interpretiere ich nicht mehr, dann benutze ich. Im Klartext, man sieht keinen Zusammenhang mehr zwischen dem Text und dem, was mir sein Benutzer sagt. Ich übertrage Ecos Ansatz auf die politische Debatte, respektive auf den metapolitischen Kampf, denn der Begriff „Debatte“ taugt hier  per Definition nicht mehr.

Noch einmal: Wenn wir die Welt als das definieren, was zwischen den Menschen ist, dann kann es dieses Dazwischen zerstören, wenn ich die Begriffe überdehne. Beginne ich dann auch noch Teilnehmern dieser Welt ihre bloße Existenz abzusprechen — Völker, Männer, Frauen — und erfinde dafür völlig neue Wörter — Bevölkerung, cismalegender etc. — dann zerstöre ich diese Welt, dieses Dazwischen. Dies beendet unter anderem auch die Politik. Für einen linken Willen zur Macht ist dies höchst tauglich. Ich sehe indes in unserer rechten Metapolitik eine andere Qualität, und die liegt  darin, dass sie keine Neologismen verwendet, sondern die Leute wieder an die ursprüngliche Bedeutung der (selbstverständlichen) Wörter heranführt. Das hat den Vorteil, dass sie sich dann in einem semantischen Feld kontextualisieren, welches über Jahrtausende gewachsen ist und mit dem eine ganz andere, größere und tatsächliche Öffentlichkeit umgehen kann. Auf Deutsch: Die Leute verstehen was gemeint ist. Wir erzeugen also Öffentlichkeit.  Wir sind diejenigen, die die Fakeöffentlichkeit, von der Thor v. Waldstein spricht, ablösen, und zwar durch die bescheidene Rückbindung an Heimat, Sprache und Tradition. Dagegen ging und geht der linke Ansatz der Metapolitik davon aus, dass diese Welt in der wir leben, zerstört werden muss, damit eine Utopie entstehen mag, die noch nicht einmal jemand konkret beschrieben hat . Deshalb hat man sich auf deren Seite auch nie Gedanken gemacht, ob und wie das Ganze denn funktionieren soll. Die begrenzte Fantasie der Utopisten eben.

Wenn ich mir die Kritik der Linken an der Neuen Rechten im Allgemeinen und an den Identitären im Besonderen anhöre, dann gibt es da gerne den Vorwurf des “Reduktionismus”. So gewählt drückt man sich zwar selten aus, es ist von “Populismus” die Rede, von “einfachen Lösungen”… doch gemeint ist immer die angeblich fahrlässige Vereinfachung. Man lässt die Schlüsselwörter ausklingen und überlässt es dem Adressaten, sich eine Unmöglichkeit oder Schrecklicheres auszumalen. Doch tatsächlich bedarf der politische Raum des Reduktionismus. Gerade in einer potenziell unendlich interpretierbaren Welt ist ein gewisser Reduktionismus unvermeidlich. So landen wir bei Nietzsches Erkenntnis der perspektivischen Wahrheit. Interpretationen mögen unvereinbar sein, doch sie bleiben Interpretationen, man gesteht sich unterschiedliche Meinungen zu, spricht sich jedoch nicht einseitig die Existenzberechtigung ab.

Die Antworten der Identitären sind  weder simpel noch unüberlegt. Sie sind komplex statt kompliziert, und, was den Gegner entsetzt, sie sind  auch noch allgemein verständlich. Damit sind sie  intersubjektivierbar und falsifizierbar. Eine Eigenschaft, mit der Utopisten nur selten glänzen. Wir benennen Opfer und Täter, wir zeigen friedliche Alternativen auf.  „Defend Europe“ sei hier nur als das markanteste Beispiel genannt. Dies ist bereits ein Anfang der oben erwähnten neuen Öffentlichkeit, welche die alte, politische Öffentlichkeit ist, denen die Linke vor knapp einhundert Jahren den Kampf ansagte. Nun gibt es eine Perspektive, aus der wir die Moderne als einen Versuch der totalen Erklärbarkeit von Allem ansehen können. Im postmodernen Neusprech die „Transparenz des Bösen“. Dieser Ansatz fordert die totale Erklärbarkeit eines Begriffes aus einem anderen, und damit die Konstruierbarkeit. Er macht die Wörter austauschbar — und zwar unbedingt. Da ist es wieder, unser Stichwort von der Bedingtheit, diesmal in seiner Verneinung als „unbedingt“, und das Unbedingte wird einfach gefordert.

Es gibt indes ein materiell Vorhandenes, das solch einen Ansatz unterstützt, und dabei handelt es sich um das wissenschaftlich-technisch Machbare. Die einen nennen es das “Gestell”, Eisenhower sprach vom “militärisch-industriellen Komplex”, Mackenzie Wark nannte es noch schnöder den “military-entertainment-complex”…Ein gutes Beispiel für den Glauben daran ist für mich der Podcast „Alternativlos“ von Frank und Fefe. Das sind hoch kompetente Techies, die durchaus und gern über den Tellerrand gucken, und doch glauben sie eben an diese Machbarkeit, an das Expertenurteil, und gruseln sich vor rechten Dunkelmännern mit einfachen Lösungen. Was ich da bislang vermisse ist die Einsicht in das dark enlightement, die dunkle Aufklärung, wie sie Nick Land beschreibt, der sehr genau die strukturellen Fallen einer wissenschaftsgläubigen Moderne aufzeigt. An dieser Stelle interessiert mich die cathedral, sein Begriff für einen akademisch-kommerziellen Komplex, der auf der oben erwähnten Wissenschaftsgläubigkeit basiert, welche den grundsätzlich respektlosen Ansatz der freien Forschung unterhöhlt. Ja, Fernsehprofessor Lesch sagt, überzogen formuliert, der akademisch-kommerzielle Komplex “irre sich empor”, da könne es schon mal zu Umwegen kommen, am Ende würde alles gut, man dürfe eben keinen Unsinn reden. Mir liegt es auf der Zunge zu sagen, der akademisch-kommerzielle Komplex  irre sich immer weiter auf ein schmales Brett hinaus.

Wie auch immer, genau hier setzt die etablierte Politik mit dem Wort von der Alternativlosigkeit (sic) an. Es sei sinnlos, einfache Antworten zu verlangen, es sei gefährlich, eine maßlose Bankenbürgschaft im Plenum zu lesen etc…man müsse den Experten vertrauen. Das ist natürlich Priesterherrschaft, und diese ist das Gegenteil sowohl von freier Forschung wie vom Politischen. Stattdessen verspricht diese Priesterherrschaft jedoch die Erlösung von allem und für jeden. Wir begegnen wieder Fayes Wunderglauben der Moderne, der Dinge verspricht, die mit der angeblich geforderten Vernunft schlicht nicht einzulösen sind. Die vielen Pläne der Moderne rechtfertigen sich mit Mitleid, mit Gefühlen und nicht mit Erkenntnis,  am Ende, das würde man schon sehen, lauert dann das Paradies. Fragt man dann jedoch die akademischen Experten dazu, folgt ein endloses Sowohl-als-auch, der Akademiker verweigert sich der politischen Handlungsanweisung. Braucht er ja auch nicht zu leisten, ist nicht sein Beritt.

Unlauter wird das erst, wenn sich die handelnde Politik hinter vermeintlichen Expertenurteilen verschanzt. Die totale Transparenz macht handlungsunfähig, da bekanntlich alles mit allem zusammenhängt. Der totale Durchblick ist als mystische Erleuchtung der Wenigen in Ordnung, wenn er jedoch als politisches Betäubungsmittel — nach dem Motto: „Mach erst mal deinen Doktor in in BWL und Quantenphysik bevor du hier mitreden willst“ — verabreicht werden soll, dann ist was faul. Entsprechend haben die Linken ihre Religion noch je als „wissenschaftlich“ verkauft, der Machtinstinkt ließ sie sich für die Priesterherrschaft entscheiden.

Ich begann mit Ecos erweitertem Textbegriff, und übertrug ihn auf die Welt, als dem Medium des Politischen. Diese Welt kann nun nach Eco in unendlich unterschiedlicher Weise gedeutet werden, jedoch eben nicht beliebig. Woran machen wir diesen Unterschied fest, die Trennung zwischen Interpretation und Benutzung? Beliebige Interpretationen wären in diesem Zusammenhang Deutungen, welche den Kontext, also die stillschweigenden Vereinbarungen, welche zum Erhalt der Welt notwendig sind, verletzen. Ich will das eingangs gegebene Beispiel noch einmal etwas ausfalten. Eine Ausdehnung der öffentlichen, erwachsenen Geschlechterrollen auf drei oder mehr ist so eine Verletzung. Wie viel verschiedene Pissoirs sollen errichtet werden, sollen wir uns alle auf den Gehsteig entleeren, oder soll es eben den Besonderen gestattet werden die Gewöhnlichen zu behelligen, statt anders herum, wie es angeblich bislang geschieht? Sei das nun durch Aufwendungen, für das dritte, vierte…wievielte (?) öffentliche Pissoir für die tragisch Veranlagten, oder unangenehme Überraschungen für die Vielen beim persönlichen Geschäft.

Hier werden Dinge in die Öffentlichkeit übertragen, welche ins Private gehören, und dies tun sie mit gutem Grund. Es ist ja beispielsweise ganz richtig, dass es schon immer und überall Hermaphroditen gab. Doch entsprechend unterschiedlich wurde zu allen Zeiten und allen Orten damit umgegangen. Eine Gefährdung des politischen Raumes, denn das ist ja reclaim the streets — erobert die Straße zurück — scheint mir da eine dumme Idee. Denn in der Konsequenz beseitigt dies die Öffentlichkeit und damit auch den politischen Raum, auf den man angeblich zugreifen will, weil dann eben immer mehr Benimmregeln entstehen statt der angepriesenen Freiheit. Nebenbei wäre dies eine negative Freiheit, welche gegen die positive Freiheit, als welche die Öffentlichkeit gedacht war, eingetauscht würde. Sowas kann man wollen, doch dann spielt man mit Totalitarismus herum. Die Öffentlichkeit wird gebraucht, und doch vermissen wir sie schon lange, denn sie wird mit der tantenhaften Besserwisserei der Technokraten und dem gesellschaftlichen Dauerfeuer des Infotainment vernebelt.

Die Globalisten und ihre linken Büttel nehmen ein vorgebliches Expertenwissen in Anspruch, das sie davon entbinden soll, für ihre gescheiterte Politik Rechenschaft abzulegen. Wir wären wohl alle neugierig auf eine umfängliche Erklärung, welche uns die Alternativlosigkeit des Großen Austauschs einmal ausbuchstabiert und die über bloße Behauptungen hinausgeht. Wenn, dann werden uns die bekannten „Einzelfälle“ und genialen Ausnahmen erfolgreicher Integration anhand von Showstars vorgebetet. Die Regelfälle, um nicht den Fetisch der Masse zu bemühen, bleiben außen vor. In den liturgischen Texten der Linken findet sich ein Wort für den real existierenden Realitätsverlust der Herrschenden, der sich hier abzeichnet —  Historischer Widerspruch. Auf Deutsch: „Ich habe hier einen großen Mist angerührt, aber lass mich nur machen, am Ende wird’s toll.“ Wie stets lässt dieses glückliche Ende auf sich warten.

Die Zeiten der oppositionslosen Technokratenherrschaft sind jedoch vorbei. Dies hat auch damit zu tun, dass die Identitären eben keinen dumpfen Populismus betreiben. Die Identitäre Idee bietet vielmehr Anknüpfungspunkte, eben weil sie auf allgemeine und allgemeinverständliche Bedingtheiten verweist: Sprache, Herkunft, Tradition. All die unzähligen, angeblich so unübersichtlichen Schwierigkeiten, auf die das universalistische Projekt der Globalisierung allerorten stößt, entstehen mit schöner Regelmäßigkeit genau dort, wo zentralistische Vorhaben der Globalisierer auf ethnisch bedingte Tatsachen stoßen. Das sind natürlich Situationen, denen der Globalist in seinen just in time, auf die Schnelle verfügbaren work spaces  und weltweit standardisierten Suhi-Bars nicht begegnet. Die Identitäre Idee jedoch, welche den Blick bei auftretenden Schwierigkeiten zunächst auf die jeweils unterschiedlichen Bedingtheiten von Sprache, Herkunft und Tradition lenkt, gibt den Leuten ihren jeweiligen sprachlichen Ausdruck zurück. Das ist eine Vorbedingung des Politischen und ich verstehe das Politische hier als den gewaltfreien Austausch darüber, wie unsere Welt aussehen soll. Somit geht der Vorwurf des Populismus ins Leere. Er wäre gerechtfertigt, wenn wir finger pointing betreiben würden, einzelne Leute oder irgend eine einzelne Gruppe verantwortlich machten, seien das nun die Bilderberger, die Islamisten oder selbst die Echsenherrscher aus dem All. Keiner dieser Gruppen gehört meine Sympathie, doch darum geht es nicht. Nein, wir stellen lediglich fahrlässige Dummheit bloß, wo sie auftaucht. Das war noch stets das Mittel der Wahl für den politischen Widerstand. Der Blick auf die Bedingtheiten durch Sprache, Herkunft und Tradition ist notwendig ein immer neuer, und damit übrigens pluralistischer.

Gerade die ersten Opfer des Großen Austauschs, nämlich die unmündigen, elenden Massen, die mit falschen Versprechungen nach Europa verschifft wurden und werden, mit denen zu reden wir angeblich erst einmal lernen sollen, können mit Begriffen wie Sprache, Herkunft und Tradition sehr wohl etwas anfangen. Hier erzielen wir viel schneller Klarheit als bei dem linken Geschwurbel über Gendermainstreaming und Transrassismus. Versetze ich mich in die linken Fantasien der Globalisierer hinein, erscheint vor meinem Auge der letzte Mensch, der Bloom. Ein sympatischer Bildungsbürger mit buntgemischten Vorfahren, charmanter Kosmopolit und eloquenter Philantrop — Konsum, “Lifestyle”, Jetset, “work-life-balance”, vegan, tolerant, liberal, multikulti, alternativ. Das univeralistisches Paradies auf Erden. Wie schön könnte es doch sein — ein jeder ein Bloom. Allein, in meine enge, weiße, deutsche Stirn will das nicht reingehen. Denn wir sind Westfalen, Bayern, Schwaben, Preußen, Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Europäer. Wir sind Frauen und Männer, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, Söhne und Töchter — wir sind Identitäre. Unsere — “reduktionistischen” Ideen von Herkunft, Sprache und Tradition sind es, die die Wiedergewinnung des Politischen bringen werden.

Zuerst erschienen: http://derfunke.info/die-wiedererlangung-des-politischen

Über Identität

Das 21. Jahrhundert hat viele neue Fragen aufgeworfen, die einer raschen Beantwortung bedürfen. Die wohl wichtigste ist die identitäre Frage. Eine noch nie da gewesene Gefahr der Vereinheitlichung der Welt – im Zuge der Globalisierung und unter dem Zeichen des Liberalismus – bedroht den gesamten Planeten und führt in Folge dessen weltweit zu identitären Zuckungen. Insbesondere Europa steht mit seiner Vielzahl an Völkern und Kulturen vor der Schicksalsfrage. Langsam bildet sich in einem Land nach dem anderen eine Generation, die der herrschenden Ideologie den Kampf angesagt hat, eine Generation, die sich für den Erhalt unserer ethnokulturellen Identität einsetzt und das Erbe Europas wieder in das Bewusstsein der Menschen verankern möchte. Es ist eine Generation, die genug hat vom reinen Konsum und platten Materialismus, eine Generation mit einer Sehnsucht nach Schicksal und Tiefe, eine Generation, die eine Spur hinterlassen möchte. Diese jungen Menschen sind bereit die Moderne radikal in Frage zu stellen und mit ihr alle alten Ideologien.

„Identität“, geistert als neuer „Kampfbegriff“ durch alle rechten Zusammenhänge. Die Identitäre Bewegung, von der hier die Rede war, wählte ihn sich gar zur zentralen Selbstbezeichnung. Grund genug hier einmal näher auf diesen Begriff einzugehen. Kein geringerer als Alain de Benoist, dessen Ideen heute wieder einen ungeahnten Popularisierungsschub erfahren, ist hier unser erster Ratgeber.

Was unsere Identität ausmacht

„[Meine Identität] ist der Horizont, vor dem ich Stellung zu beziehen vermag.“ [1]

Was macht nun meine Identität aus? Jeder einzelne Mensch hat verschiedene Zugehörigkeiten: sprachlich, kulturell, beruflich, politisch, sexuell, usw. Es beeinflusst also meine Identität, ob ich Mann oder Frau bin, welche Sprache ich spreche, aus welcher sozialen Schicht ich stamme, welchen Beruf ich ausübe, welche Werte ich lebe, wie ich aussehe und noch vieles mehr. Die (Post-)Moderne behauptet nun, dass ich meine Identität ausschließlich persönlich bestimme; dass sie ein reines Konstrukt ist, das sich durch meine persönlichen Entscheidungen erst entwickelt. Diese Denkweise lässt außer Acht, dass es schon von Geburt an einen Hintergrund gibt, der den Rahmen für die Konstruktion der Identität bildet. Durch die seit der Moderne fortschreitende Auflösung aller organischen Bindungen, wird der Einzelne jedoch immer mehr gezwungen, die Entscheidungen bezüglich seiner Identität selbst zu treffen. Daraus folgt, dass „selbst eine überlieferte Zugehörigkeit ihre Rolle als Identitätsmerkmal nur insoweit vollständig erfüllen kann, wie ich sie akzeptiere oder bereit bin, sie als solche zu betrachten. Der bloße Umstand, Franzose, Italiener oder Deutscher zu sein, ist alleine noch nicht bestimmend für meine Identität. (…) Die Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Klasse, einer Ethnie etc. hat hingegen kaum Gewicht, solange sie mir nichts bedeutet. Eine solche Zugehörigkeit wird möglicherweise manche meiner Gedanken oder Verhaltensweisen bestimmen, aber sie wird dies sozusagen ohne mein Wissen tun. Sie wird mich möglicherweise in den Augen anderer identifizieren, aber ich selbst werde mich darin nicht wiedererkennen.“ [2]

Des Weiteren existieren zahlreiche Bindungen, die Michael Walzer als „unfreiwillige Assoziationen“ bezeichnet. An erster Stelle gehören dazu: die Familie und das Geschlecht, aber auch die Nation, die soziale Schicht, die Kultur, die Werte und die Religion können dazu zählen. Diese „unfreiwilligen Assoziationen“ determinieren jedoch nicht alles, denn das Individuum besitzt zumindest die Fähigkeit, diesen Bindungen keine – oder nur wenig – Bedeutung beizumessen und nicht zum Faktor politischer Unterscheidungen zu machen. Diese Bindungen existieren aber als Tatsache (ob nun empirisch oder rein im Bewusstsein) fort – selbst in der negativen Bezugnahme auf sie.

Identität ist in erster Linie eine Erzählung, die man weitererzählen muss. Sie ist nichts Starres, sondern ein dynamischer Prozess. In jedem von uns sind individuelle und kollektive Identität unauflösbar miteinander verbunden. Möchte man die Identität eines einzelnen Menschen gänzlich definieren, erfordert dies die Bezugnahme auf sein Lebensumfeld, auf den Raum, den Ort, den er mit anderen Individuen teilt. Der Mensch ist ein verortetes Lebewesen und auch das Gute im menschlichen Leben bedarf daher einer Verortung. Schon für Aristoteles war die Frage nach dem Guten und der Glückseligkeit (eudaimonia) im Leben an das Ethos, den spezifischen Ort gebunden, wo der Mensch sein Leben führt. „Ort“ war für Heidegger ein Ort einer Stiftung, ein Ursprungsort, in der das Dasein einer Person und ein Geschichtszusammenhang ihren Anfang haben. Verortung ist ein Schlüssel für die eigene und geschichtliche Identität, sie ist an eine bestimmte „Lebenswelt“ gebunden. Identität besitzt also auch immer eine soziale Dimension, schließlich kann man ein Ich oder ein Wir niemals definieren, ohne sich auf andere als eben dieses Ich oder Wir zu beziehen. Jede Identität ist dialogisch, weil sich Identitäten auch immer über gesellschaftliche Interaktion konstruieren – was auch bedeutet, dass der andere Anteil hat an meiner Identität, da er ihre Erfüllung ermöglicht.

Ein häufiger Irrtum besteht darin, Identität als eine Essenz oder statische Realität anzusehen. Sie ist aber eine Substanz, eine dynamische Realität, die ständig im Wandel begriffen ist. Es gibt keine Identität ohne Wandel. Die Beständigkeit liegt also in dem Prozess, der diese Identität gestaltet und definiert. Identität ist das, was uns ermöglicht, uns ständig zu verändern, ohne dass wir jemals aufhörten, wir selber zu sein. Um unsere eigene Identität zu verstehen und zu verteidigen, reicht es also nicht einfach irgendwelche historischen Ereignisse und Persönlichkeiten aufzählen zu können, sondern “viel mehr bedeutet es, Identität als dasjenige zu verstehen, das sich im Spiel der Ausdifferenzierung erhalten bleibt, und zwar nicht als dasselbe, sondern als die je einzige Art und Weise, sich immer zu verwandeln. [3]

Begriff der „ethnokulturellen Identität“

Der zentrale Begriff der identitären Weltanschauung ist der der „ethnokulturellen Identität“. Dieser Terminus versucht zu umschreiben, was Völker in ihrer Ganzheit ausmacht.

Guillaume Faye schreibt in seinem Metapolitischen Handbuch: „Die Identität eines Volkes ist das, was es unvergleichlich und unersetzbar macht.“
Die Gruppenidentität verleiht den verschiedenen Völkern ihre Besonderheiten. Man kann sie als kollektives Unterbewusstsein auffassen, die das Bewusstsein und das Handeln prägt und determiniert. Wie das Individuum hat auch die Gemeinschaft eine Eigenart in Wesen, Sprache, Kultur und Religion. Ethnos und Kultur hängen zusammen und keiner dieser beiden Teile darf absolut gesetzt bzw. gegenüber dem anderen überbewertet werden. Während der NS dem ethnischen Teil zu viel Gewicht gab, Volk rein biologistisch interpretierte und fälschlicherweise in der Rasse den alleinigen Schlüssel zur Weltgeschichte erblickte, verfallen die Multikultis genau in das andere Extrem und postulieren, dass es keine verschiedenen Populationen gäbe, sondern nur der kulturelle (und damit auch zum Großteil milieubedingte) Faktor ausschlaggebend sei. Beide Positionen reduzieren die in sich differenzierte Wirklichkeit und das vielseitige Phänomen auf einen einzigen Aspekt. Sie verzerren damit die Wahrnehmung. Man muss hier, im Geiste Armin Mohlers, lernen mit Widersprüchen und Gegensetzen, mit einer ewigen Unabgeschlossenheit der Definition und der Beschreibung zu leben.

Für Identitäre existieren keine qualitativ höherwertigen oder minderwertigen Rassen und der Wert des Menschen wird nicht über die Zugehörigkeit einer Gruppe definiert. Ethnopluralistisches Denken tritt ein für das Recht auf Verschiedenheit, für eine Welt der tausend Völker und Kulturen, und steht damit im Widerspruch zu Rassenchauvinismus, Herrenmenschentum und Antisemitismus, aber auch zu Egalitarismus und Relativismus. Wer das Eigene verteidigt, muss damit auch das Andere anerkennen. Jede Anerkennung beruht auf Gegenseitigkeit. Das Recht auf Verschiedenheit bedeutet aber nicht, die Gleichheit aller Werte zu postulieren – denn das würde bedeuten, dass nichts mehr einen Wert besitzt -, sondern es bedeutet, die eigenen Normen und Ideen nicht willkürlich universalistisch zu verallgemeinern.

Identitäres Denken äußert sich also immer in der Anerkennung von Vielfalt und Differenz. Es legt Wert auf das Besondere, auf die verschiedenen ethnokulturellen Gemeinschaften.

„Ein Volk besteht fort dank seiner Narrativität, indem es sich sein Wesen in sukzessiven Deutungen aneignet, im Akt des Erzählens zum Subjekt wird und dadurch verhindert, daß es seine Identität verliert.“ [4]

Identität als Folge von Erinnerung und Geschichte

Identität setzt Erinnerung voraus. Gruppen oder Personen, die ihr Gedächtnis bzw. ihr Geschichtsbewusstsein verloren haben, können ihre Identität auch nicht als beständige Fortdauer begreifen. Ihnen fehlt das Bewusstsein, dass ihre Gegenwart eine Vergangenheit fortsetzt. Diese Erinnerung an einen Ursprung, einen Mythos, einen Ausgangspunkt wurde uns genommen. Hier ist auch einer der Hauptgründe für unseren Identitätsverfall zu erblicken. „Geschichte zu schreiben und zu lesen“, so Bernard Lamizet, „sind Wege, in der Vergangenheit zu der Identität zu finden, deren Träger man ist und auf der das gesellschaftliche Zusammenleben beruht, an dessen kulturellen wie politischen Praktiken man teilhat. Die Geschichte bildet eine Gesamtheit von Identitätsdarstellungen in der Abfolge der Epochen und Akteure, die uns vorausgegangen sind, gleichzeitig aber verleiht sie unseren Identitäten einen im eigentlichen Sinne symbolischen Gehalt, indem sie dem Prozeß aus politischen Formen und gesellschaftlichen Strukturen, denen wir zugehörig sind, einen Sinn gibt […] Dies macht die eigentlichen Sinne politischer Dimension der Geschichte aus: die Verbreitung nämlich, die sie Formen der Identität verschafft, die geeignet sind, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt einen für seine Träger erkennbaren Gehalt zu geben.“ [5]

Erinnerung kann nie allumfassend sein, sie ist stets subjektiv, wenn wir uns damit der Geschichte nähern. Erinnerung wählt selbst aus, was behalten oder weitergegeben wird. Sie ist damit Gedenken und Vergessen zugleich. Dieselbe Subjektivität bestimmt die Suche nach den Ursprüngen, nach großen Vorfahren, Persönlichkeiten und Momenten. Ursprung und Geschichte können daher auch in einem Widerspruch zueinander geraten (und im Extremfall sogar identitätsstörend wirken). Als Beispiel sei hier Europa genannt, das sich im Laufe seiner Geschichte von einem Großteil seiner Werte weit entfernt hat – vom Holismus hin zum Individualismus der Moderne. „Nicht: Wer gehört aufgrund welcher Kriterien und Traditionen zum eigentlichen Europa, muß die Frage lauten“, schreibt Peter Sloterdijk zu den Wesensmerkmalen europäischer Identität, „sondern: Welche Szenen spielen die Europäer in ihren historisch entscheidenden Momenten?“[6]

Unsere Identität zu schützen heißt also nicht, dass es genügt, die Vergangenheit zu besingen oder historische Bezugspunkte aufzuzählen, sondern wir müssen endlich selbstbewusst der Gegenwart begegnen, um Identität als das zu erfassen, was sich im Zusammenspiel der Differenzierungen aufrechterhält.

Identität ist immer eine Bewährung. Die ethnokulturelle Identität ist eine Kette von Selbstbehauptungen, die jeweils den Herausforderungen ihrer Zeit standhielten. Aus diesem Grund gibt es in keinem Volk der Welt eine absolut statische Kultur, Religion und erst Recht nicht Politik. Jede Zeit hat ihre Frage, und ihre Antwort, ihre Wahrheit, die „unmittelbar ist zu Gott“, wie Ranke meint. Das heißt für uns, ihr ewig gegenwärtiges Geltungsrecht hat. Um es mit Alain de Beniost zu sagen: „Wahr ist was sich in die Lage versetzt zu existieren und fort zu dauern. Das, was verdienen würde, zu sein, wird sein. Das, was verdiente zu sein, ist schon.“ [7] Wir müssen die Wahrheit unserer Zeit finden, die Antwort auf den Strom der Identitätsvernichtung, der uns umbrandet. Der erste Schritt dahin ist aber genau die Frage zu erkennen, die uns diese Zeit stellt. Was führt zum:

Verlust unserer Identität

Ursachen für den Verlust unserer Identität gibt es viele: Verwestlichung und Vereinheitlichung der Sitten und Bräuche, liberaler Individualismus, Zerstörung der Sprache, Konsumzwang, Materialismus, fehlendes Geschichtsbewusstsein, Ethnomasochismus, etc.
Eines der wichtigsten Identitätsmerkmale bildet meistens die Sprache. Sie befähigt auch erst zu Austausch und Dialog, und ihr kam zu jeder Zeit in der Geschichte die Funktion des wichtigsten Erkennungszeichens zu. Natürlich kann ein Asiate Deutsch oder eine andere europäische Sprache lernen, gleich wie ein Deutscher eben Japanisch sprechen. Es gibt sogar Völker, die ihre eigene Sprache verloren haben (man denke zum Beispiel an das Gälische), nicht aber deshalb ihre Identität. Allerdings ist Sprache nicht nur ein reines Kommunikationsmittel, sondern sie offenbart eine Welt, in der sich unsere Gefühle und unser Blick auf die Welt zeigen. Kurz gesagt: in unterschiedlichen Sprachen zeigen sich auch unterschiedliche Weltbilder.
Des Weiteren wichtig für unsere Identität sind die Sitten und Bräuche, denn sie existieren im öffentlichen Raum, besitzen Symbolcharakter und begründen einen Teil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Gerade durch die Vereinheitlichung der Sitten wird genau dieser Symbolcharakter und damit ein Teil unserer Identität zerstört. Die regionalen Besonderheiten werden immer mehr neutralisiert. Europa ist fast vollständig “geeint” unter dem Banner des “american way of life” und der Logik des Kapitalismus. Nichts ohne Preis besitzt noch einen Wert. Als Gegenleistung wird den Menschen mehr Konsum angeboten. Alles muss einen messbaren Nutzen haben oder Profit abwerfen. Die eigene Identität richtet sich immer mehr danach, was jemand besitzt (“Ich bin, was ich besitze”). Genau hier ist nach Alain de Benoist die Hauptursache für die Entfremdung der Identitäten zu suchen – im Warenfetischismus.

Der allgemeine Identitätsverlust von heute ist kein Zufall. Er ist keine Laune der Geschichte, die auch anders denkbar wäre. Er ist eine eiserne Konsequenz der herrschenden, geschichtsmächtigen Ideen, welche über die Metapolitik unser Denken und Fühlen, und über die Politik unsere Gegenwart und Zukunft bestimmen. Es ist ein neues Menschenbild, das sich ins Bewusstsein geschlichen hat und die Befallenen von innen her aushöhlt, indem es alle anderen Identitätsbezüge auffrisst. Dieses Menschenbild stellt die Unterwerfung des Menschen unter eine herrschende Norm dar. Diese ist die Setzung der herrschenden Ideologie, um welche die Kaskaden an Parteien, Ideen, Strömungen, Religionen und Bewegungen, wie um einen Zentralstern kreisen. Diese Ideologie und ihre normativen Ausflüsse sind es, die als Frage und Herausforderung unsere ethnokulturelle Identität attackieren. Sie hinterfragen sie, untergraben sie und schaffen, im Stile einer selbsterfüllenden Prophezeiung aus der realen Welt der Vielfalt, die kommende Welt der Einheit, die ihre kontraktualistischen Entstehungsmythen postulieren. In dieser herrschenden Ideologie und ihren Handlangern müssen wir Identitäre den Hauptfeind erkennen. Entlang ihrer Randgebiete wird die große Front und Konfliktlinie dieses Jahrhunderts verlaufen. Unser Kampf gegen den Identitätsverlust geht also notwendig ums Ganze. Dieser ist nämlich eben nicht die verhandelbare Nebenerscheinung eines an sich guten „Fortschrittes“ und einer „guten Idee“. Wir befinden uns auf einem „Fortschritt ins Grauen“ (Benoist), der uns dorthin führt, weil das Ziel und damit die Richtung falsch sind. Es muss der Identitären Bewegung also letztlich um eine tiefe Kritik der herrschenden Ideologie des Liberalismus gehen, wenn sie nicht Protest-Makulatur und Gekräusel im Schlammstrom der Zeit sein will. Diese Stellungnahme gegen die herrschende Ideologie, wird von ihr reflexartig in ihre traditionellen Feindlager kategorisiert. Man ist Kommunist oder Faschist, Nazi oder Anarchist, auf jeden Fall aber „antidemokratisch und totalitaristisch“. Genau hier überflügelt die Identitäre Idee alle alten Kategorien, indem sie die Konkurrenzideologien der liberalistischen Moderne (NS, Faschismus, Marxismus) ebenso entschieden ablehnt und eine 4. politische Theorie gegen die herrschende Postmoderne schaffen will. Das Ethnokulturelle, das sie sich zum zentralen Begriff gemacht hat, ist hier nicht eine panaceum gegen alle Verheerungen und Entfremdungsprozesse der Moderne. Es ist nicht der Große Problemlöser, der korporative Integrationsmechanismus, der in einem biologistischen (NS) oder etatistischen (Faschismus) Kurzschluss, die Reflexion unterbricht und alle Transzendenz umwirft.

Wir beharren eisern auf dem Erhalt unseres Daseins, also unsere Traditionslinie und Identität, die eben ethnisch und kulturell vermittelt ist. Wir lassen uns nicht auf sie reduzieren, auf sie determinieren, wir wünschen uns nicht zurück in ein rousseausches Idyll, und überlassen die große Politik und die großen Fragen nicht der herrschenden universalistischen Ideologie.

Unser Kampf um unsere ethnokulturelle Identität ist vor allem eine längst überfällige Antwort auf ihre brutale Abschaffung und Ausmerzung, die einhellig von allen Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, NGOs und Konzernen vorangetrieben wird. Nicht wir sind so fixiert auf die ethnokulturellen Aspekte unsere Identität und unseres Daseins. Unsere Gegner sind es. Nicht wir sind so identitär. Die heutige, vom Liberalismus geschaffene westliche Welt ist so anti-identitär. Sie stellt uns Patrioten, Konservativen und Traditionalisten damit eine bohrende Frage, indem sie uns in Frage stellt. Unsere Antwort, unsere Wahrheit, die uns in die Lage versetzen wird, als wir selbst in Europa fortzudauern, wird aufs Ganze gehen müssen und das Ganze umfassen. Die identitäre Bewegung muss sich, in einer ganzheitlichen Weltsicht, das Ethnisch-Kulturelle und das Universal-Transzendente (nicht das Universalistische) zurückerobern und es den Klauen der Moderne entreißen.

[1] Charles Taylor, Quellen des Selbst, S. 55
[2] Alain de Benoist, Wir und die anderen, S. 71/72
[3] Alain de Benoist, Wir und die anderen, S. 78
[4] Alain de Benoist, Wir und die anderen, S. 79
[5] Bernard Lamizet, politiques et identite, S. 75
[6] Peter Sloterdijk,Falls Europa erwacht. Gedanken zum Programm einer Weltmacht am Ende des Zeitalters ihrer politischen Absence. Suhrkamp, Frankfurt 1994, S.33
[7] Alain de Benoist, Kulturrevolution von rechts, Sinus-Verlag, 1985 Krefeld S.31

Dieser Beitrag erschien zuerst 2013 auf dem Blog www.derfunkeinfo.wordpress.com.

Nationalismus Revisited – Teil 3

Die 4. politische Theorie und die identitäre Weltanschauung machen mit diesem Wahnsinn Schluss.

VIII. Der 4. Weg und die identitäre Erkenntnis

Der identitäre Ethnopluralismus muss, da er anti-universalistisch ist, dem Nationalismus klar widersprechen. Er tut das in drei entscheidenden Punkten:

1. Es gibt keine einheitliche Menschheitsgeschichte mit einem einheitlichen konvergenten Fortschritt. Es gibt verschiedene Pfade, die von ethnokulturellen Gemeinschaften beschritten werden.

2. Es gibt kein überlegenes Volk oder eine überlegene Kultur. Um diese „Überlegenheit“ feststellen zu können, bräuchte man einen objektiven Maßstab, der nicht in der eigenen Kultur selbst liegt – sonst wäre das ein Zirkelschluss. (Für die klassischen Nationalisten war das kein Problem: Sie glaubten an die eine über allen Völkern stehende Wahrheit von Fortschritt und Aufklärung und behaupteten, dass diese „Vorsehung“ ihr Volk „auserwählt“ hatte. Für den völkischen Nationalismus gibt es aber nichts als die eigene Kultur, weil ja ein objektiver Maßstab auf etwas verweisen würde, das zentraler und wichtiger wäre als das eigene Volk. Er bricht hier einfach das Denken ab und verweist auf technische oder politische Überlegenheit, die er biologisiert. Dass aber gerade diese „überlegene“ westliche Welt von anderen Völkern kolonialisiert wird, blendet er aus. Eine Überlegenheit, die sich in darwinistischem Überlebenserfolg ausdrücken soll, lässt sich NIEMALS für den Augenblick feststellen, sondern immer erst „danach“. (Woher soll man heute wissen, wer morgen überleben wird?)

3. Es gibt keine absolute und ewig gültige Wahrheit, die in einer Kultur oder einer Zeit exklusiv auftritt. Wahrheit ist immer eine Offenbarung des Seins und der Welt, die ein bestimmtes Dasein, einen Menschen in seiner Sprache und Kultur trifft. Diese Vielfalt ist prinzipiell kein Widerspruch gegen eine Wahrheit. Relativismus ist nicht die einzige Alternative zu Universalismus. Wahrheit ist damit immer in die Vielfalt der Völker und Kulturen und die Zeit gestellt. Es gibt hier nur den Austausch und den Dialog, die Suche und die immer neu gestellte Frage. Niemals aber eine Endgültigkeit oder gar einen einseitigen Missions- und „Zivilisierungs“-Auftrag.

Die identitäre Weltsicht erkennt all das und überwindet damit auch den universalistischen Nationalismus. Sie zerschlägt auch, um bildlich zu sprechen, endlich den Thron für den Götzen der absoluten Wahrheit. Sie versucht nicht, ihn irgendwie zu ersetzen. Oder wie Heidegger sagt: “Der Nihilismus lässt sich nicht von außen überwinden, dadurch, dass man ihn wegzureißen und wegzuschieben versucht, indem man nur an die Stelle des christlichen Gottes ein anderes Ideal, die Vernunft, den Fortschritt, den wirtschaftlich-gesellschaftlichen „Sozialismus“, die bloße Demokratie setzt. Bei einem solchen Beseitigenwollen der schwarzen Schlange beißt sie sich nur fester.”1

Die identitäre Weltsicht betet auch nicht den leeren Thron an, wie das die Postmoderne und der Relativismus tun. (Diese bleiben ebenso Opfer des Universalismus, weil sie mit ihm jede Form von Wahrheit und Offenbarkeit verworfen haben. Alle Werte, alle Ideen, aller Begriffe, Rollen, Institutionen, etc. messen sie negativen am Wahrheitsanspruch des Universalismus und müssen sie folglich verwerfen.)

Wir wollen uns eine ganzheitliche Weltsicht ergründen, in der Volk, Herkunft und Kultur ihren festen Platz haben, aber nicht verabsolutiert, von der Ganzheit abgeschnitten und überhöht werden. Was heißt das konkret? Ich will anhand der beiden eingangs erwähnten Fragen die Unterschiede zwischen identitärer und nationalistischer Weltanschauung klarmachen:

IX. Was ist die Gemeinschaft? Was sind ihre Interessen?

Der Nationalismus totalisiert die konkrete und dynamische Gemeinschaft des eigenen Volkes zur Nation. Die Nation ist dem historischen Subjekt und Kollektiv einer universalistischen Ideologie oder Religion nachgebildet. Um sie herum gibt es auf einmal nur mehr „Feinde“, also Heiden, Primitiv-, Un- und Untermenschen. Die klar bestehende Grenzen zwischen den Völkern wird damit zum unüberwindlichen Graben vertieft. Das Volk wird aus seinem Zusammenhang in der Völkerfamilie gerissen. Gleichzeitig wird auch die innere, regionale Vielfalt vom Nationalismus und der Nation bedroht. Wir haben in unserem Artikel “Warum wir Identitäre nicht nationalistisch sind” bereits beispielhaft beschrieben, wie diese Ideologie dem identitären Denken und dem Begriff der ethnokulturellen Identität widerspricht.

Dieser Begriff umfasst Familie/Sippen, Volk, und Völkerfamilie. Region, Nation und Europa sind komplementäre Teile unserer Identität. Natürlich sind sie nicht alle gleichartig, natürlich haben sie nicht alle die gleiche Bedeutung für die eigene Identität. Nur die regionale Identität wird in der Regel direkt persönlich erfahren, die nationale Identität ist vor allem Stifter von Kultur und Allgemeinheit, während die europäische Identität nur als Verein freier Völker und gemeinsamer Block denkbar ist. Der Identitäre wahrt die Grenzen und Unterschiede dieser Ebenen genau, ohne eine zu totalisieren. Er ist damit gegen Separatismus, Nationalismus und Internationalismus gleichermaßen. Alles sind universalistische Totalisierungen eines gewissen Aspekts der ethnokulturellen Identität.

Der Nationalismus zerstörte damit logischerweise in fast allen seinen Erscheinungsformen das Europa-Bewusstsein. Inspiziert man sie genau, so sind der deutsche, der französische, der serbische, der tschechische Nationalismus, etc. undenkbar ohne die Hassfeindschaft gegen eine Nachbarnation. Dieser Hass gehört essentiell dazu. Genau wie die Abgrenzung und die Wahrnehmung des anderen zum identitären ethnokulturellen Bewusstsein gehört, so braucht der extremistische Nationalismus zur übersteigerten Selbstbestätigung den Hass auf das Andere. Die Quelle des Extremismus ist der universalistische Wahn nach Auserwähltheit, Höherwertigkeit und Alleinbesitz der totalen Wahrheit. Der Nationalismus ist mit dieser Fixierung auch untrennbar an die Moderne gebunden. Er ist unflexibel, undynamisch und kann zum Hindernis und geistigen Gefängnis werden.

So waren z.B. Hermann der Cherusker, Leonidas und Karl Martell KEINE Nationalisten, da es so etwas wie das moderne Nationalbewusstsein damals gar nicht gab. Es gab ein identitäres Gefühl der Verbundenheit zum Eigenen, dieses kann aber in verschiedenen Schattierungen und Formen auftreten. Identitär sein heißt, über allen temporären Strömungen und Begriffe hinweg für die eigenen Wurzeln zu kämpfen und damit auch über sinnlosem Revanchismus, überkommenen Erbfeindschaften und schädlichen Gebietsstreitigkeiten zu stehen
Der „europäische Bürgerkrieg“ war vor allem im 1. Weltkrieg ein Konflikt des Nationalismus. Die nationalistischen Europa-Konzeptionen waren fast alle chauvinistische Entwürfe, in denen das eigene Volk „Leitvolk“ sein sollte. Wo sie das nicht waren, verließen sie auch das Denken des typischen Nationalismus.

Auch die Idee des totalen, „reinrassigen“ Volkes und der radikale Hass gegen Nachbarvölker (die als „mindere Rassen“ betrachtet wurden) kommt aus dieser Übersteigerung einer Ebene der ethnokulturellen Identität. Ein Identitärer sieht hingegen in Nachbarvölkern heute vor allem wichtige Verbündete und Partner im kulturellen Austausch. Er erkennt die Veränderung, Vielfalt und Dynamik des Volkes an. (Veränderung wird dabei aber kein absoluter Wert an sich, wie bei den Multikultis. Nichteuropäische Einwanderung und kulturelle Assimilation gab es in Europa in Jahrtausenden nicht oder kaum. Diese Veränderung ist daher ein radikaler Einschnitt, der von Identitären abgewehrt werden muss, wenn wir die Kontinuität unserer Identität erhalten und weitererzählen wollen.)

Der Nationalismus sieht, wenn es um die Fragen nach Interessen geht, immer nur die begrenzten Interessen der Nation, deren starre Form er aus der dynamischen Wirklichkeit der ethnokulturellen Identität gestanzt hat. Im Interesse der Nation war der Flächenbrand des Ersten Weltkrieges jeweils gerechtfertigt; im Interesse der ethnokulturellen Identität, die eben auch Europa einschließt, kam er einem Selbstmord gleich.

Gerade an dieser bisher geschichtlich wohl einzigartigen Selbstvernichtung eines Kulturraums erkennt man den Traditionsbruch, die ungesunde, extremistische, kurz: „moderne“ Wirkung, die der Nationalismus auf eine Völkergemeinschaft hatte.
Eine solche Überlegung, die über den Rahmen der Nation hinausgeht, erscheint dem Hardcore-Nationalisten aber bereits als Verrat, weil ihm jedes ganzheitliche Bewusstsein jenseits ihrer Grenzen fehlt. Um sie herum ist nur das feindliche Nichts, in das er zu kippen fürchtet, wenn er sich von seiner fanatischen Fixierung löst. Wir sind hier beim zweiten wesentlichen Unterschied zwischen Identitären und Nationalisten angelangt.

X. Wie stehe ich zu dieser Gemeinschaft? Auf welche Art und Weise beziehe ich mich auf sie?

Sowie der Nationalismus die größere Dimension der ethnokulturellen Identität ausblendet, so blendet er auch die ganze Weite der Frage nach Wahrheit, Sinn und Ethik aus. Das Volk wird zum universalen Lösungsmittel, in dem sich die ganze Vielfalt menschlichen Fragens im plumpen Darwinismus und Subjektivismus auflöst. Wenn im religiösen Universalismus allein aus dem eigenen Dogma, dem heiligen Buch oder Propheten Wahrheit, Recht, Moral und Wert ableitbar sind, so bezieht der Nationalismus all diese Werte einzig und ausschließlich aus „dem Volk“, das seine eigenen Werte selbstherrlich in ein waberndes Nichts setzt. Er ist so letztlich ein nationaler Subjektivismus, wie Heidegger erkannt hat. Anstatt das ethnokulturelle Dasein in seiner Ganzheit zu erkennen, missversteht: “man dieses doch immer als „Subjekt“”. Damit: “gelangt man zu den komischen Forderungen, das Einzelsubjekt (in Sein und Zeit) müßte jetzt durch das Volkssubjekt ersetzt werden. Die armen Tröpfe!“2

Er erkennt keine Wahrheit, keine Werte, keine Ordnung über sich an. Ja, alles Denken ist nach ihm nur und ausschließlich „völkisch“. Die Kunst wird somit zu einer „biologisch notwendigen Funktion“ des Volkes, wie es Kolbenheyer einst sagte. Philosophie wird als allgemeines über das Volk hinausführendes Denken an sich mit Universalismus gleichgesetzt, wie das der NS-Philosoph Ernst Kriek tat. Der Nationalist gewinnt so sein gestörtes Verhältnis zur Umwelt, die er nur als radikal feindliche Umgebung, als bedrohliches „Nichts“ wahrnimmt, in das er seine subjektiven Werte wie schützende Mauern gesetzt hat.

So wie der Universalist glaubt, dass außerhalb seiner Bewegung nur Heiden, Rassisten, Kapitalisten, Unmenschen, etc. bestehen, so glaubt der Nationalist, dass außerhalb seines Volkskokons nur der wilde erbarmungslose Kampf ums Dasein herrscht, alles also nur potentielle Feinde sind. Dem ist nicht so. Diese Sicht ist im Gegenteil eine selbsterfüllende Prophezeiung, wie der europäische Nationalismus gezeigt hat. Zwar trifft diese Sicht AUCH einen Aspekt der Wirklichkeit, die Wirklichkeit erschöpft sich aber nicht in ihr. Das Volk taugt nicht als einziges und totalitäres Zentrum des Denkens. Das ist, wie uns mittlerweile klar ist, nur die extreme und selbst universalistische Überreaktion auf die totale Ausblendung des Volks im klassischen Universalismus.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens führt immer über die bloße Erhaltung und Steigerung des Daseins hinaus. Sie führt damit auch über das Volk als empirische und soziologische Realität hinaus. Es gibt eine Wahrheit, die über dem Volk, also über der ethnokulturellen Verwurzelung des eigenen Daseins steht. Aber nur über das Volk, also über das eigene ethnokulturell geprägte In-der-Welt-Sein kann man diese Wahrheit erfahren. Die Wahrheit steht über dem Volk, aber nur über das Volk kommt man zur Wahrheit. Das klingt etwas kompliziert, ist aber herrlich einfach.

Werte sind nicht deshalb wahr und gut „weil es das Volk will“. Ganze Völker wählten damals Nationalsozialisten und Marxisten, ganze Völker „wählen“ heute Multikulti und Selbstabschaffung. Es gibt Wahrheiten, die unabhängig von Mehrheiten und Meinungen sind. Etwas anderes zu sagen, würde jede Würde des Menschentums in den Dreck stoßen. Man muss daher auch als Identitärer nicht immer mit dem „Volk“ einer Meinung sein, man muss nicht alles, was unsere Ahnen taten, ausnahmslos gutheißen. „Right or wright my country“ ist keine identitäre Parole. Gerade unser kritischer Bezug auf unsere eigene Philosophie und Ideengeschichte, gerade unsere Sicht für das Ganze befähigt uns dazu, sinnlos und schädlich gewordene Ideologien, Symbole, Feindschaften und Denkfehler aufzugeben und etwas Neues zu schaffen.

Es gibt grundlegende Bedürfnisse und Wesenszüge, die alle Menschen gemein haben und die Verständnis und Verständigung ermöglichen. Wir alle sind sprachfähige Lebewesen, die ihre Umwelt und ihre Geschichte selbst schaffen, die sich in den anderen einfühlen können, die andere Kulturen erfahren und verstehen können. Die krampfhaften Versuche des Nationalismus, andere Völker als andere Spezies darzustellen, zeigen auch hier klar dessen Realitätsverleugnung und Verabsolutierung einer Grenze. Doch all diese gemeinsamen Wesenszüge treten in jedem Volk und kulturell unterschiedlich auf. Es gibt auch die Möglichkeit des Missverständnisses, es gibt unübersetzbare Begriffe, es gibt gegensätzliche Weltsichten, kurz: Es gibt eine Vielfalt, die man ohne schwere Verluste und brutale Einschnitte niemals auf einen Nenner bringen kann. Und warum sollte man das auch wollen? Dahinter steckt immer die universalistische Unfähigkeit, Vielfalt, Fluss, Konflikt und Differenz zu ertragen.

Der Identitäre erkennt also, dass der Erhalt der eigenen ethnokulturellen Identität nicht bedeutet, dass man andere Völker nicht verstehen, dass es keine Verständigung und keinen Dialog mit anderen geben kann. Er sieht klar, wo es Gemeinsamkeiten und wo es das Trennende gibt. Er weiß, wo die Grenzen der Selbsterhaltung zum nationalen Egoismus liegen, wo eine Gefährdung Europas und auch des Wohls aller Völker und Lebewesen, wo ein Verbrechen gegen Menschentum, Natur und das Sein selbst beginnt. Er hat einfach ein Gefühl für Ehre und kann das Andere als Anderes behandeln, kann einen Pathos der Distanz bewahren, ohne es total abzuwerten, wie das der Universalist tun muss. Dabei kippt er niemals in eine Weltfriedens und „Menschheitsutopie“. Er weiß, dass „Menschheit“ zuerst ein zoologischer oder abstrakt philosophischer, aber niemals ein politischer, ethnischer und kultureller Begriff ist und dass so jeder Versuch, eine politische oder kulturelle „Menschheit“ herzustellen, notwendig im Völkermord mündet.

Kurz gesagt: Der Identitäre ordnet seine ethnokulturelle Identität in eine ganzheitliche Weltsicht ein, in der gegenseitiges Verstehen, Einklang mit der Natur, Vervollkommnung des eignen Wesens, Ehre und Würde und Wahrhaftigkeit unverzichtbare Werte sind. Sein Bezug zu seinem Volk ergibt sich aus dieser ganzheitlichen Sicht.

Der Nationalist erkennt keine ethischen Werte, die über dem Volk stehen und damit zwischen den Völkern vermitteln. Er sieht nicht, dass letztlich alle Vielfalt von Pflanzen und Tierarten bis hin zu den Völkern ein großes Ganzes bildet, sondern blendet alles jenseits seiner Nationsgrenze aus. Er tickt somit genauso wie der moderne Individualist im Liberalismus, der auch nur sich selbst als subjektive Ich-AG anerkennt – bloß hat er diese Struktur auf das Volk übertragen.

Zwar drücken sich Ethik, Recht und Würde in jedem Volk anders aus, indem der Identitäre in ihnen aber keine subjektivistische Erfindung, sondern den Zuspruch einer Wahrheit erkennt, ist es ihm möglich, auch die anderen ethnokulturellen Ausdrucksformen zu akzeptieren. Es ist so wie mit der „kulturellen Übersetzbarkeit“, die Jan Assman für die antike Götterwelt beschreibt:

“Die verschiedenen Völker verehrten verschiedene Götter, aber niemand bestritt die Wirklichkeit fremder Götter und die Legitimität fremder Formen ihrer Verehrung. Den antiken Polytheismen war der Begriff einer unwahren Religion vollkommen fremd. Die Götter fremder Religionen galten nicht als falsch und fiktiv, sondern in vielen Fällen als die eigenen Götter unter anderem Namen.”3

Das bedeutet auf keinen Fall, dass es keine Konflikte gibt und dass man im Streitfall nicht mit aller Kraft, ja bis zum Tod für das Eigene zu kämpfen bereit ist. (Der Wahn des Weltfriedens ist gerade ein verlogener Nebeneffekt des Universalismus, der als „Unterpfand“ aber immer die totale Weltherrschaft verlangt.) Krieg, Konflikt und Chaos gehören notwendig zur Welt und sind keine „böse“ Seite, die man abschaffen oder „wegaufklären“ muss. Diese Weltflucht und dieser Weltenhass ist Ursprung des Universalismus, der sich ein „Ende der Geschichte“ in Einheit und Gleichheit wünscht, weil er die Vielfalt und Dynamik der Welt nicht erträgt.
Da man aber im Konflikt das eigene Ziel nicht Wahrheit, Moral und Gott an sich gleichsetzt, ist man grundsätzlich zu Verhandlungen bereit und spricht im Fall des Konflikts dem anderen nicht jede Ehre ab. Die totale Entmenschung aller Feinde tritt, jenseits von kriegsbedingten Hassausbrüchen, in ihrer ideologischen und systematischen Form erst mit dem Universalismus auf.

Der Identitäre hat also einen Bezug zu seinem Volk, das in einer ganzheitlichen Weltsicht eingebettet ist und in dem das Volk nicht zum universalistischen Ausgangs- und Endpunkt aller Gedanken hingerichtet wird. In dieser Ganzheit ist die ethnokulturelle Identität aber unverzichtbarer Bestandteil unseres In-der-Welt-Sein. Die Totalvereinheitlichung, die globale Vermischung und Kulturzerstörung ist nur das andere Extrem zur „partikularistischen Zuckung“, wie Alain de Benoist den Nationalismus nennt. Beides befindet sich im weltfernen Denksystem des Universalismus.

Hier geht es zu Teil 4 des Artikels:

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1 Heidegger Nietzsche, Klostermann, Frankf. 1. Band S. 396 (GA 6.1)

2 Martin Heidegger, GA 66, S. 144

3 Jan Assman, Moses der Ägypter, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2008, S.19

Text im Original von Martin Sellner, erschienen auf www.identitaere-generation.info.

Ergänzend zu diesem Text ein Podcast von Martin Sellner: http://martin-sellner.at/2017/04/03/podcast-3-nationalismus-revisited/

Nationalismus Revisited – Teil 2

Während der französische Nationalismus rasch zu einer internationalen, inklusiven Kolonialbewegung wurde, die am liebsten die ganze Welt mit ihrer „Francophonie“ assimiliert hätte und dabei unter Napoleon in Europa glänzende Erfolge feierte, sahen sich die deutschen Aufklärer hin- und hergerissen.

VII. Fichte?

Freilich, der INHALT der Französischen Revolution: Gleichheit, Internationalismus, Abschaffung aller Tradition, totale Revolution, Fortschritt der Menschheit – all das hätten sie gern unterschrieben; aber sich dabei Frankreich unterordnen, das eifrige französische Revolutionäre schon als Hauptstadt der künftigen Weltrepublik, quasi als atheistisches Rom, ausgerufen hatten- nein, das ging den meisten dann doch wieder zu weit.

In seinen Jugendschriften und später in den berühmten „Reden an die Deutsche Nation“ wandte sich Fichte entschieden gegen den „Kosmopolitismus“ der Franzosen. Was er ihm allerdings als „Patriotismus“ entgegensetzt hat, und was später als Nationalismus Karriere macht, hat mit einer identitären Weltsicht wenig zu tun. Es ist im Gegenteil die Grundlage des nationalistischen Denkens, das für Europa katastrophale Folgen haben sollte. Fichte sieht als Universalist die Aufgabe der Menschheit in einer allgemeinen Verwirklichung der Vernunft. Er wertet im Unterschied zu Kant den Staat gegen die Nation ab: diese soll, anders als im französischen Aufklärungsuniversalismus, Träger der Menschheitsvernunft sein, damit:”von dieser aus der Erfolg sich verbreite über das ganze Geschlecht.”1 [gemeint ist die Menschheit] Die Vermischung von Universalismus und Nation bringt Fichte zum logischen Schluss: “dass nur der Deutsche – der ursprüngliche, und nicht in einer willkürlichen Satzung erstorbene Mensch, wahrhaft ein Volk hat, und auf eins zu rechnen befugt ist, und dass nur er der eigentlichen und vernunftgemässen Liebe zu seiner Nation fähig ist.”(2)

Fichte setzt Menschheit und die deutsche Nation gleich. Deutschland wird ihm zum “Mutterland” aller Kultur. In einem Satz der frappant an Hitlers “Arier”-Sager erinnert, behauptet Fichte, dass beim Untergang der deutschen Nation die ganze Menschheit dem “geistigen Tode” anheimfallen würde, “bis wir insgesamt wieder in Höhlen lebten, wie die wilden Tiere, und gleich ihnen uns untereinander aufzehrten.” (3) Es ist kein Wunder, dass Fichte vom NS als Vordenker reklamiert wurde. Es passt auch, da auch der NS ein verdrehter Universalismus war.

Man muss sich das zweimal durchlesen, um es ganz zu verstehen. Fichte will nicht die Eigentlichkeit und Identität Deutschlands gegen eine internationale, universalistische Ideologie verteidigen. Er ist nur der Ansicht, dass kein anderer als Deutschland das Recht hat, diese universalistische Ideologie zu erkennen, zu vertreten und der Welt aufzuzwingen. Nicht am französischen, sondern am „deutschen Wesen“ sollte die Menschheit „genesen“. Das ist nichts anderes als universalistischer Neid – keine identitäre Kritik. Es ist ein universalistischer Binnenkonflikt, mit dem wir Identitäre nichts zu tun haben. Oder wie Hermann Lübbe schreibt: “Es ist die Dialektik der Revolution, dass der Universalismus ihres Prinzips die Individualität der Nationen politisch macht, d.h. den Nationalismus hervortreibt.”(4)

Ethnokulturelle Identität wird nicht als allgemeines Prinzip anerkannt. So gibt es zwar viele Völker, aber die Deutschen seien völkischer als alle anderen. Sie seien das “Urvolk” und deswegen auserwählt, die Wahrheit völkisch-national der ganzen Welt zu bringen. Auch Schillers Gedicht von der „deutschen Größe“ schlägt in dieselbe Kerbe und ist vom universalistischen Neid und Minderwertigkeitskomplex gegen die erfolgreichen Nationalisten in Frankreich und England geprägt. Das hat mit Ethnopluralismus und Völkervielfalt, wie sie bereits bei Ranke und Herder anklingen, rein gar nichts zu tun. Es wird nicht anerkannt, dass jedes Volk seine eigene Identität, seine eigene Kultur und Weltsicht hat, die es gegen universalistische „Wahrheits“-Behauptungen verteidigen darf und soll. Der Universalismus wird einfach zum derzeitigen Privatbesitz des deutschen Volkes erklärt. (Bei Hegel war das noch temporäre Gunst des Weltgeistes – im späteren Nationalismus wird es biologistisch verewigt) Trotz aller, leider notwendigen Verkürzungen, die den erwähnten Denkern teils ungerecht wird (lest selbst nach!), wird uns eines klar: Nationalismus ist in seinem Ursprung ein chauvinistischer, widersprüchlicher Universalismus – egal, ob er völkischer oder etatistischer Prägung ist. Immer geht es um eine „heilige Weltmission“, die mit der Vielfalt der Kulturen und Völker „Schluss machen“ soll.

Die Grundideen des Universalismus: eine lineare Weltgeschichte, mit EINEM Fortschritt, eine Menschheit mit EINEM Idealtypus des Menschen, eine exklusive und totalitäre Wahrheitsoffenbarung in EINER partikularen Zeit und Kultur, wurde nicht direkt kritisiert. Es wurde nur das eigene Volk zum Zentrum dieses Denkens gemacht.

Der völkische Nationalismus ist dabei mörderischer und brutaler, da die eigene Überlegenheit vor allem biologisch fixiert ist und man die anderen Völker erst einmal als ewig mindere Rassen unterwerfen und erziehen will. Der etatistische Nationalismus ist er dafür viraler und grassierender, da er die unterworfenen Völker integriert, assimiliert und seine Kultur zum „internationalen Selbstläufer“ werden kann. So oder so ist Nationalismus, ideengeschichtlich betrachtet, nichts anderes als der Versuch, das eigene Volk und/oder die eigene Kultur als Ersatz für die universalistische Religion zu missbrauchen. Es ist eben ein typischer „-ismus“, wie Anarchismus, Liberalismus, etc. Er verabsolutiert einen bestimmten Aspekt des Daseins und bringt es in eine Schieflage.

Dabei wird die Liebe zum Eigenen notwendig zum Chauvinismus und Rassismus verzerrt – einfach weil das Eigene als identisch mit dem absolute Wahren, dem Fortschritt und dem Vernünftigen gesetzt wird. Der Nationalismus kann gar keine harmonische Gemeinschaft bilden. Seine nationale Gemeinschaft existiert nicht als Wert an und für sich, sondern immer nur im Schatten ihrer heiligen, historischen Mission. Er versteht wie Fichte: “die Nation als Hülle des Ewigen”.(5) Noch Friedrich Jünger schreibt im “Aufmarsch des Nationalismus”, dass der Nationalist im Grunde die „Auserwähltheit“ von Volk und Land „verficht, weil er fühlt, daß ohne den Glauben daran kein Volk zur Tafel des Lebens berufen ist“. Das ist Universalismus reinsten Wassers. Ohne Wahn der Auserwähltheit, verliert das Leben seinen Sinn. Im NS wurde daraus die welthistorische Mission des von der Vorsehung auserwählten Ariers.

Es ist mehr als ein bloßer herrischer Stolz, eine bloße Geringschätzung von „Barbaren“, wie wir sie z.B. bei den alten Griechen sehen. Es ist eine metaphysische, systematische und ideologische Abwertung von ALLEM anderen, die durch nichts geändert werden kann. (Die Griechen hatten z.B. großen Respekt vor den Ägyptern und werteten nicht alles Fremde, einfach weil es fremd war, ab).

Der Nationalismus ist nichts anderes als das Zerfallsprodukt des religiösen Universalismus, indem das Volk Gott und der Staat die Kirche ersetzt. Sein Universalismus zeigt sich im fanatischen, totalen Kampf gegen alles, was außerhalb liegt –  im missionarischen Expansions- und ideologischen Welteroberungsdrang. Nach innen äußert er sich in totaler Vereinheitlichung, Zentralisierung, Durchorganisierung und Zerstörung der regionalen Vielfalt. Der Universalismus ist Gift für die ethnokulturelle Identität. Gift bleibt Gift, auch wenn man es „national“ verabreicht.

Mit einem Gleichnis kann man den westlichen Universalisten als Geisteskranken beschreiben, der sich komplett mit der Wirklichkeit verworfen hat, nur in absoluten Schemen denken kann und alles, was er tut, immer als „welthistorische Mission“, jede Idee immer als „absolute Wahrheit“, jeden eigenen Schritt als „Fortschritt“ wahrnimmt.
Dieser Geisteskranke hat sich mit seiner Herkunft und Familie total verworfen, weil sie ihm zu „gewöhnlich“, nicht „total“ genug ist. In der Aufklärung scheinbar von seinen fixen Ideen geheilt, kehrt er zu seiner Familie zurück, nur um einen universalistischen Rückfall zu erleben. Der Inhalt seines Denkens ist gefallen, aber nicht seine Denkstruktur. Wie ein geisteskranker Napoleonkomplexler, der seine Familie in den Abgrund reißt, nimmt er sein Volk für den universalistischen Wahn in Geiselhaft und jagt sie in in die Hölle der Selbstüberhöhung, die letztlich nur ein alter, nationaler Minderwertigkeitskomplex ist.

Während die Ur-Nationalisten sich ihrer universalistischen Herkunft noch klar bewusst waren und das eigene Volk nur als Auserwählten und Träger einer objektiven allgemeinen Wahrheit sahen, verdrängten die späteren Nationalisten diese Erbschaft völlig und identifizierten absolute Wahrheit und eigenes Volk einfach, ohne weiter darüber nachzudenken. In seiner historischen Situation, in Konfrontation mit den vorigen Jahrhunderten ist der moderne Nationalismus verständlich und hat in seiner Zeit ein gewisses Recht. Doch was damals verständliche Überreaktion und Erblast war, ist heute nicht mehr zu entschuldigen. Doch gerade heute, nach der Erfahrung zweier Weltkriege, muss er gerade von volkstreuen Kräften radikal kritisiert und verworfen werden!

Hier geht es zu Teil 3 des Artikels:


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1 Richard Schottky 1996, 161. Fichtes «Reden an die deutsche Nation»

2 Fichte, Reden an die Deutsche Nation, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1978, 8. Rede, S. 125

3 ebd., 8. Rede, S. 341f.

4 Hermann Lübbe, 1963, S. 197

5  Fichte, Reden an die Deutsche Nation, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1978, 8. Rede, 134

Text im Original von Martin Sellner, erschienen auf www.identitaere-generation.info.

Ergänzend zu diesem Text ein Podcast von Martin Sellner: http://martin-sellner.at/2017/04/03/podcast-3-nationalismus-revisited/

Nationalismus Revisited – Teil 1

„Schon wieder ein Artikel über Nationalismus!“- dürfte der erste Gedanke treuer Leser bei dieser Überschrift sein. Sie werden sich nämlich noch an andere Artikel zur selben Thematik erinnern. Doch ich bin der Überzeugung, dass hier nicht nur einer, sondern viele weitere Artikel notwendig sein werden, um:1. unser falsches Bild in der Öffentlichkeit klarzustellen
2. in den eigenen Reihen eine falsche Denkweise und Begrifflichkeit zu verändernIch will also in diesem Artikel noch einmal die Frage des Nationalismus von einem eigenen undogmatischen Standpunkt aus angehen. Wer in diesem Text lange Benoist-, Weißmann- und sonstige Zitate erwartet, wird vielleicht enttäuscht werden. Ich möchte das Thema ganz „unakademisch“ angehen und lade den Leser ein, mich dabei zu begleiten. Aber Achtung! Vor allem für einige Leute, die sich selbst als „rechts“ betrachten, besteht nach der Lektüre möglicherweise eine gewisse „Weltbildeinsturzgefahr“!

 I. Nationalismus vs. Patriotismus?

„Nationalismus ist Hass auf das Fremde und Überbewertung des Eigenen. Patriotismus ist Akzeptanz des Fremden und Liebe zum Eigenen.“ So oder so ähnlich klingt ein flotter Spruch, der immer wieder auftaucht, wenn es um die Frage des Nationalismus geht. Man könnte meinen, damit sei das Thema abgehakt. Identitäre sind Patrioten und Nationalisten sind rassistische Chauvis. Mitnichten!
Fast jeder, der sich selbst als Nationalist sieht, würde diesem Sprüchlein widersprechen und es als bloße Falschbehauptung bezeichnen. Was sagen die Nationalisten denn von sich selbst? Wie sehen sie sich?

In den politisch aktiven rechten Gruppen gibt es neben den Hardcore-Neonazis und Oldschool-Faschisten auch eine unüberschaubare Anzahl an Klein- und Kleinstgrüppchen mit verschiedensten ideologischen Ausrichtungen. Fast alle würden sich aber irgendwie zum Begriff des „Nationalismus“ bekennen, ob sie ihn nur als „sozial“, „anarchistisch“, „traditionalistisch“ oder sonst wie deuten.
Nationalismus sehen sie dabei nicht als Zeichen der Überbewertung des Eigenen und des Hasses auf das Fremde. Es ist für sie mehr ein Code und Schlagwort für Revolution. Nationalist zu sein bedeutet für sie subjektiv, den Status Quo nicht zu akzeptieren, gegen Liberalismus zu kämpfen und sich der Multikulti-Idee in den Weg zu stellen.
Patriotismus ist ihnen als Begriff zu sanft. Sie wollen nicht mit den ganzen bürgerlich-konservativen „Verfassungspatrioten“, die unsere Selbstabschaffung milde ablächeln; nicht mit dem bierseligen Heer der WM-Patrioten auf eine Stufe gestellt werden. Nationalismus ist für sie ein Begriff der Provokation, ein Bekenntnis, dass man selbst zum 3. Weg und 3. Lager gehört, das sich gegen den Multikulti-Liberalkapitalismus stellt, aber NICHT marxistisch ist.
Auch Ernst Jünger beschreibt im Vorwort zum „Aufmarsch des Nationalismus“ die Selbstbezeichnung als „Nationalist“ als einen derartig trotzig-revolutionären Akt:
„Wir nennen uns Nationalisten – dieses Wort ist uns durch den Haß des gebildeten und ungebildeten Pöbels, durch das Heer der Opportunisten des Geistes und der Materie geweiht.“

Eine Grafik, die unlängst als Antwort auf ein Multikulti-Propagandasujet der EU erschienen ist, zeigt es klar: Nationalismus ist der Integrationsbegriff der revolutionären, außerparlamentarischen, volks- und heimatbewussten Rechten in Europa. Nicht umsonst spricht man ja vom „nationalen Lager“.

Nationalistische Persiflage auf eine EU-Werbung. Das Lambda ist zu Unrecht vertreten.

Man kann Nationalismus also niemals hinreichend kritisieren, indem man ihn mit dem oben zitierten Sprüchlein abhakt. Seine Kritik am wurzellosen Verfassungspatriotismus und dem oberflächlichen WM-Patriotismus hat ihre Berechtigung. Aber hat er deswegen in allem recht ? Wo setzt eine identitäre Kritik an?

II. Der Universalismus und die drei politischen Theorien

Jedem Kenner identitärer Weltanschauung dürfte es längst klar geworden sein: „Nationalismus“ ist ein Sammelbegriff für die 3. politische Theorie. Das Keltenkreuz und dieser Begriff umfasst sie wohl besser als die singulären Sonderfälle wie der historische Faschismus und der NS mitsamt ihrer Symbolik. Wir Identitäre definieren uns vor allem dadurch, dass wir die modernistischen Ideologien insgesamt einer Kritik unterziehen. Wir wollen nicht im Namen des Liberalismus, Nationalismus/NS und Marxismus kritisieren. Wir wollen auch nicht die Leichenzahlen von NS und UdSSR gegeneinander aufrechnen, um eine Ideologie als die „weniger mörderische“ darzustellen.
Ganz prinzipiell lehnen wir die drei modernen Ideologien ab und stellen uns gegen den Liberalismus und die Globalisierung, die derzeit als „1. politische Theorie“ den Globus beherrscht und uns mit Multikulti und Dekadenz die Luft abdreht.

Unsere Kritik an den drei politischen Theorien ist dabei vor allem gegen ihren Universalismus gerichtet. Jede dieser Ideologien hat ein fixes und dogmatisches Welt- und Menschenbild, das sie gegen die Vielfalt der Völker und Kulturen als absolute Wahrheit aufstellt und durchsetzen will.
Imperialismus, Internationalismus, Globalisierung, „Demokratisierung“, Weltrevolution, etc. sind die Schlagwörter dafür. Der Universalist tut so, als hätte er die absolute Wahrheit für sich gepachtet, als stünde sie bereits außer Frage und müsste nur mehr von ihm der ganzen Welt übergeben werden.
Anderen Völkern und Kulturen wird völlig abgesprochen ihre Rechte, ihre Wirtschaft, ihre Religion und Kultur frei zu entwickeln, da sie als „rückständig“, „primitiv“ oder „inhuman“ abgestempelt werden.

„Inhuman“ ist ein Schlüsselwort. Der Universalist bestimmt nämlich immer jeweils, was als Norm der „Menschlichkeit“, was als „fortschrittlich“ und „vernünftig“ zu gelten hat. In der Geschichte Europas gab es ein wildes Hin und Her aus solchen religiösen und ideologischen Universalismen, die jeweils glaubten, berufen zu sein, ihre „Wahrheit“ der ganzen „Menschheit“ zu bringen. Ein Großteil der westlichen Genozide und Verbrechen geht auf die Kappe dieses Denkens (Nebenbei: Auch der Islam ist universalistisch und will deswegen letztlich ein Weltkalifat und alle Menschen zu Muslimen machen. Dass nicht jede komplexe und umfassende Religion universalistisch ist, zeigt z.B. der Hinduismus).

Lange war Europa vom Virus dieses Universalismus‘ besessen und wälzte sich wie am Fieberbett von einem Extrem ins nächste. Der Universalismus verhindert nämlich jede harmonische und ganzheitliche Weltsicht ebenso wie jede echte Toleranz des anderen. Denn:
1. greift er immer einen bestimmten Aspekt des Daseins heraus und verabsolutiert ihn

2. will und muss er, weil er glaubt, damit die absolute Wahrheit zu haben, diese immer allen anderen aufzwingen.

Um die hier leider nötige Verkürzung noch ein wenig weiter zu treiben, will ich nun eine kleine „tour de force“ durch die drei politischen Theorien liefern:
a) Der Liberalismus, der aus der Aufklärung hervorging, kann als erste kompakte universalistische Ideologie bezeichnet werden (1. Politische Theorie: 1PT). Er will im Wesentlichen europäische Wirtschafts-, Technik-, Schul-, Rechts- und Denkstandards global verbreiten und dabei einen grenzenlosen „Weltmarkt“ schaffen. Er verabsolutiert das Subjekt und seinen persönlichen, rein willkürlichen Freiheitsanspruch „von“ allen Bedingungen. Er entfesselt den totalen Egoismus, zersetzt und zerstört organische gewachsene Gemeinschaften und Traditionen und lässt als Regelungen und Werte nur mehr den Marktwert und die Marktregelung zu.

b) Der Marxismus/Kommunismus kann als Antwort auf die 1PT betrachtet werden und setzt gegen ihren totalen Egoismus und Individualismus den Kollektivismus und die Gleichheit der Klasse. Er will einen einzigen Weltstaat nach westlich-modernem Muster schaffen, indem eine „rationale“ Planung die totale Gleichheit aller herstellt. Er verabsolutiert die Idee der sozialen Gerechtigkeit innerhalb einer konkreten Gemeinschaft zur totalen Vereinheitlichung der gesamten „Menschheit“, und den globalen Vernichtungskampf bis zur „Diktatur“ einer einzigen, gleichgeschalteten Klasse. Er zerstört die gewachsenen Gemeinschaften und Kulturen und beurteilt alles nur aus seiner ideologischen Perspektive heraus.

Beide Ideologien sind typisch universalistisch und damit gegen alle gewachsenen ethnischen und kulturellen Gemeinschaften feindlich eingestellt. Sie stehen ihren internationalistischen Bestrebungen, dem Weltstaat und Weltmarkt für die „eine Menschheit“, im Wege. Folgerichtig werden sie als „veraltete“ und „unmenschliche“ „Konzepte“ verworfen. Völker und Kulturen sollen verschwinden und der weltweiten Konsumgesellschaft oder der „internationalen Klasse“ Platz machen. Es erschließt sich uns Identitären fast von selbst, warum diese Ideologien absolut tödlich für jede ethnokulturelle Gemeinschaft sind und warum wir daher gegen Liberalismus und Marxismus ankämpfen müssen.

Was ist aber mit „Punkt c)“? Was ist mit der 3. politischen Theorie? Was ist mit dem Nationalismus und dem „nationalen Lager“?

III. Ist Nationalismus universalistisch?

Nationalisten würden nun sicher behaupten, dass ihr „3. Weg“ mit dem Internationalismus Schluss macht und endlich wieder Volk und Kultur in den Mittelpunkt bringt. Der Mensch wird endlich nicht nur als liberales Rechtssubjekt oder als sozialistischer Klassenangehöriger, sondern ganzheitlich, als Teil einer Nation verstanden und wahrgenommen.
„Nationalismus“, so seine Vertreter, „heißt nichts anderes, als die Interessen der eigenen Nation über alles andere zu stellen und ihr alle politischen, religiösen und wirtschaftlichen Fragen immer unterzuordnen. Es geht darum, immer einzig und allein das zu tun, was im Interesse der eigenen Nation liegt.“

Diese Haltung hat auf den ersten Blick eine stringente Logik. Lassen wir uns ein wenig auf sie ein. Wenn man den Plan als widernatürlich ablehnt, im Namen der „einen Wahrheit“ den „Weltstaat“ für die „“Menschheit“ zu schaffen, bleiben Völker und Kulturen als real existierende Gemeinschaften und Bezugspunkte. Sie bilden in ihrem Zusammenspiel, in ihrem Mit- und Gegeneinander die Politik.

Wenn man in einer politischen Streitfrage nicht zu seinem eigenen Volk hält, so ist man damit scheinbar automatisch auf der Seite des Gegners. Carl Schmitt hat das mit unerbitterlicher Schärfe ausgearbeitet. Es gibt keine Raum außerhalb des Politischen. Man kann hier, was sich im Ernstfall immer klar zeigt, nur einem Herren dienen. Wem würden die ganzen „integrierten“ Türken den folgen, gäbe es besagten Ernstfall und Konflikt zwischen Erdogan und der deutschen Kanzlerin?
Versteht man „Nationalist“ als „jemand, der dem Interesse seines Volkes dient“ ist man also anscheinend entweder „Nationalist“ oder ein „Verräter am eigenen Volk“. Doch so einfach liegen die Dinge eben gerade nicht.

Dass man in Fragen der Politik ganz prinzipiell die Interessen der eigenen Gemeinschaft vertreten soll, ist richtig. Hier ergeben sich aber zwei Grundlegende Fragen, die uns von Nationalisten unterscheiden.

1. Was ist diese Gemeinschaft? Was sind ihre Interessen?

2. Wie stehe ich zu dieser Gemeinschaft? Auf welche Art und Weise beziehe ich mich auf sie?

Bevor ich aber auf diese Fragen antworten werde, will ich ein wenig auf die Entstehung des Nationalismus eingehen, dabei aber – wie versprochen – nicht ins Detail gehen.

IV. Die kurze Geschichte des Nationalismus

Ich betrachte den Nationalismus als modernes Phänomen. Wichtig ist dabei, dass ich unter ihm eine Bezugsweise, also ein „Wie“ verstehe, nicht einen konkreten Gegenstand, also ein „Was“. Das, worauf er sich bezieht, die Völker und Kulturen, die ethnokulturellen Gemeinschaften, sind natürlich selbst kein solches neues Phänomen der Moderne Sie sind eine dynamische Traditionslinie, die sich über Transformationen und Wendungen bis zum Ursprung des Lebens selbst zurückführen lassen. Der Nationalismus ist hingegen nur eine bestimmte Ideologie, eine Art und Weise mit dem Volk umzugehen und sich auf es zu beziehen. Ich werde in der Folge die These aufstellen, dass es eine schlechte Art und Weise ist.

Ordnen wir ihn ideengeschichtlich ein, so entstand er Hand in Hand mit dem Liberalismus als modernes Phänomen. Herkunft, Heimat und Tradition spielten immer und überall schon ganz selbstverständlich eine große Rolle. So bewusst und exklusiv zum Problem der Politik wurden sie aber erst in der Moderne. Über den Grund dafür gibt es viele Theorien. Ich erlaube mir, eine eigene These aus identitärer Sicht zu präsentieren, die meiner Ansicht nach ein wenig zur Aufklärung beitragen könnte.

V. Volk statt Gott

In der mittelalterlichen Weltsicht, mit der die Moderne brach, hatte der christliche Gott die Stellung des absoluten und höchsten Seins inne. Von ihm allein leitete sich alle Wahrheit, alle Moral und alles Recht ab. Er hatte sich für Christentum, Judentum und Islam in einer exklusiven, geschichtlichen Form geoffenbart und war damit zum universalistischen Dogma geworden. Die Christenheit, als internationale, überkulturelle Gemeinschaft, war sein „historisches Subjekt“ – also Träger dieser Idee. Als nun die Aufklärung die Hegemonie des Christentums brach, wurde zwar Gott „entthront“, der „Thron „selbst aber blieb gewissermaßen intakt“. Anders gesagt: Man suchte erstens nach einem Ersatzwert für das Podest der absoluten Wahrheit; man suchte zweitens ebenso nach einer Ersatzgemeinschaft für das historisch-missionarische Subjekt der Christenheit.
Im Liberalismus entstand rasch die Ideologie der Menschheit, des Weltbürgertums und der „einen Vernunft“, welche die erste Rolle übernahmen und die christliche Weltsicht verweltlichten.
Ziel war es nun nicht mehr, alle Seelen auf Erden zu bekehren, um sie für ein Paradies im Jenseits zu gewinnen. Man wollte jeden Menschen im Hier und Jetzt „aufklären“, aus seinen traditionalen Gemeinschaften reißen und in einer vernünftigen, liberalen Weltrepublik ein „irdisches Paradies“ schaffen. Und das ist im Grunde bis heute das Wegprogramm von Marxismus und Liberalismus.
(Wir sehen hier auch einen wichtigen Unterschied zwischen religiösem und ideologischen Universalismus. Der erste muss nämlich nicht zwangsläufig die konkreten ethnokulturellen Gemeinschaften zerstören, da sich seine Idee von Menschheit vor allem auf das Jenseits bezieht.)

Nicht alle klinkten sich in diese neue liberale Ideologie ein. Im gleichzeitig aufkeimenden Nationalismus gewann die jahrhundertelang unterdrückte Sehnsucht nach der eigenen Identität, nach Freiheit und Selbstbestimmung als Volk und Kultur die Überhand. Statt des liberalen Kosmopolitismus‘ der „einen Menschheit“ wollte man das eigene Volk zum historischen Subjekt, also zum Zentrum der eigenen Geschichte machen.

Doch dabei blieb die Struktur des Denkens gleich. Sie blieb universalistisch; das heißt: Man glaubte immer noch an die eine offenbare, „objektive Wahrheit“, an die „eine Menschheit“ und ihre einzige, lineare Weltgeschichte. Man war nicht stark genug, sich wirklich zu einer identitären Weltsicht durchzuringen. Das Weltbild blieb universalistisch – nur der Träger dieses Weltbildes, das historische Subjekt änderte sich. Nicht ein kosmopolitischer Bund gleicher Menschen, deren einzige Kultur die „Vernunft“ ist, war berufen. Das eigene Volk und die eigene Kultur wurden zum Zentrum der universalistischen Weltgeschichte gemacht. Es wurde, bildlich gesprochen, auf den Thron des zu Tode „aufgeklärten“ Gottes gesetzt. Alles Recht, alle Wahrheit, alle Moral leitete man aus dem Volk und seiner Kultur ab. Der Chauvinismus, der vorher nur gegenüber den „Heiden“ auf die „wahrere Religion“ bezogen war, wurde allmählich zum Rassismus gegenüber den anderen „minderwertigen Kulturen“.

VI. Mängel altrechter Nationalismuskritik

Diesen Punkt muss man verstehen, wenn man meine identitäre Kritik verstehen will.
Anders als die klassische „altrechte“ Kritik geht sie nicht nur gegen einen „blutleeren Staatsnationalismus“, sondern auch und gerade gegen den völkischen Nationalismus, wie er in Deutschland vor allem vom deutschen Idealismus geprägt wurde.

Die Altrechten und Nationalisten kritisieren in der Regel nur den amerikanischen und französischen Nationalismus, weil bei ihm der Volks- und Nationsbegriff nicht exklusiv ethnisch, sondern inklusiv und kulturell gefasst wird: d.h. jeder kann Mitglied werden. Ihr Nationalismus ist im Grunde, so die Kritik, ein versteckter Internationalismus, weil ihr Volk wie eine Kirche oder Internationale aufgebaut ist: jeder kann theoretisch Mitglied werden und das Schema ist auch „exportierbar“.

Die Nation ist in diesem etatistischen Nationalismus im Grunde nur eine Blaupause für die Menschheit und den Weltstaat. Diese Kritik ist zwar richtig, aber man darf nicht bei ihr stehen bleiben: Sie fragt nämlich nicht nach der ideengeschichtlichen Genealogie (Herkunft) und damit der universalistischen Prägung des Nationalismus an sich. Die trifft sowohl auf seine völkischen als auch auf seine etatistischen Spielarten zu. Ob ius solis oder ius sanguinis- Nationalismus ist Universalismus. Die altrechte Kritik, die meist von bekennenden Nationalisten getätigt wurde, kann gar nicht so weit gehen, weil sie sonst zur Selbstkritik werden müsste.

VII. Am deutschen Wesen?

Um meine These weiter zu stärken, will ich nun dem speziell völkischen Nationalismus, wie er in Deutschland entstand, näher auf den Zahn fühlen. Ungelesen, unbegriffen und unreflektiert gelten Personen wie Fichte, Hegel, etc. in der rechten Szene als „Säulenheilige“. Man klaubt ein paar Zitate zusammen, in denen sie schöne Sachen über Deutschland sagen und hakt sie als „große deutsche Denker“ ab. Das ist eine fatale Oberflächlichkeit, die auch den Philosophien selbst nicht gerecht wird. Denn: Man huldigt hier Universalisten! Allen voran Hegel. Wenn er etwa sagt:„ Der germanische Geist ist der Geist der Freiheit“, so will er nicht einen Wesenszug seines Kulturraums herausstreichen. Er sieht die christlich-germanischen Völker als Träger einer heiligen welthistorischen Mission; die Idee der „Freiheit“, die bei Hegel letztlich Internationalismus, Liberalismus und Weltstaat bedeutet, muss von ihnen allen anderen Völkern gebracht werden – ob sie wollen oder nicht. Weder die Germanen, noch die zu „zivilisierenden“ „Primitiven“ haben nach Hegels universalistischer Doktrin eine Wahl. Es ist der notwendige Verlauf des „Fortschrittes“.
Hegel gibt dem deutschen Volk und zumal Preußen zwar eine große Rolle in diesem Schicksalstheater, doch diese Rolle entspricht nicht seinem echten Wesen und seinem Telos – sie ist die Hauptrolle der abstrakten, universalistischen Menschheitsgeschichte, die Hegel sich rassistisch, eurozentrisch und abgehoben zusammenspinnt. Hier ist nicht der Raum, näher auf seine unerträgliche Ideologie einzugehen, aber sein Denken ist das Grundschema des universalistischen Nationalismus, ob etatistisch oder völkisch geprägt.

Ihm geht es in seiner aufklärerischen Urform niemals um das konkrete Volk selbst. Das Volk ist immer nur Träger und Werkzeug einer „welthistorischen Mission“. Es ist allen anderen überlegen, weil es mit der Wahrheit im Bunde ist, weil es eben an die Stelle des christlichen Gottes getreten ist. (Nicht zufällig entstehen in dieser Zeit auch esoterische Mythen, wonach Jesus selbst einem bestimmten europäischen Volk angehört haben soll: nämlich immer dem eigenen.) Es hat ein totales und absolutes Recht gegen alle anderen Völker – aber eben nur weil und solange es mit dem Weltgeist (der bei Hitler später zur „Vorsehung“ degeneriert) im Bunde ist.

In allen europäischen Völkern, die vom Nationalismus infiziert wurden, wuchs so ein chauvinistischer Wahnsinn heran. Der Fanatismus, mit dem sich früher nur Christen und Muslime, Evangelische und Katholiken untereinander bekämpft hatten, wurde zwischen die Völker Europas gesät. Warum? Weil sie die jeweils neuen Träger eines Universalismus, eines nationalen „Minimonotheismus“ geworden waren, dessen Gott sie selbst waren.
Die Franzosen dachten, sie müssten der ganzen Welt ihre Kultur bringen, die Engländer sahen ihre Rasse als göttliche Zivilisationsbringer und die „verspäteten“ Deutschen meinten, an ihrem „Wesen“ müsse „die Welt genesen“.
Das ist Universalismus reinsten Wassers! Es ist die Totalisierung des eigenen Welt- und Menschenbildes als „überlegen“ und der Wahn, alle damit „beglücken“ zu müssen.

Dass der völkische Nationalismus, hier um keinen Deut besser ist, zeigt kein anderer als Johann Gottlieb Fichte, DER Vordenker eines deutschen Nationalismus.

Hier geht es zu Teil 2 des Artikels:

Text im Original von Martin Sellner, erschienen auf www.identitaere-generation.info.

Ergänzend zu diesem Text ein Podcast von Martin Sellner: http://martin-sellner.at/2017/04/03/podcast-3-nationalismus-revisited/